BEGEGNUNG MIT DEN AUTORITÄTEN, DEN VERTRETERN DER ZIVILGESELLSCHAFT
UND DEM DIPLOMATISCHEN KORPS
ANSPRACHE DES HEILIGEN VATERS
Präsidentenpalast (Beirut)
Sonntag, 30. November 2025
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Herr Präsident,
sehr geehrte zivile und religiöse Autoritäten,
Mitglieder des Diplomatischen Korps,
meine Damen und Herren!
Selig, die Frieden stiften!
Es ist mir eine große Freude, Ihnen zu begegnen und dieses Land zu besuchen, in dem „Frieden“ weit mehr als nur ein Wort ist: Hier ist der Friede eine Sehnsucht und eine Berufung, ein Geschenk und eine stets offene Baustelle. Sie alle tragen in diesem Land Verantwortung, jeder in seinem Bereich und mit spezifischen Aufgaben. In Anbetracht dieser Verantwortung möchte ich Ihnen das Wort Jesu sagen, das ich als grundlegende Orientierung für meine Reise gewählt habe: »Selig, die Frieden stiften!« (Mt 5,9). Gewiss, es gibt hier und auf der ganzen Welt Millionen Libanesen, die Tag für Tag still und leise dem Frieden dienen. Ihnen jedoch, die Sie wichtige institutionelle Aufgaben in Ihrem Land wahrnehmen, ist eine besondere Seligkeit beschieden, wenn Sie von sich sagen können, dass Sie das Ziel des Friedens über alles andere gestellt haben. Bei unserem heutigen Treffen möchte ich mit Ihnen ein wenig darüber nachdenken, was es bedeutet, unter sehr komplexen, konfliktgeladenen und unsicheren Umständen Friedensstifter zu sein.
Neben den Naturschönheiten und dem kulturellen Reichtum des Libanon, die bereits von allen meinen Vorgängern gelobt wurden, die Ihr Land besucht haben, zeichnet sich das libanesische Volk durch eine besondere Eigenschaft aus: Sie sind ein Volk, das nicht untergeht, sondern angesichts von Prüfungen stets den Mut findet, sich neu zu erheben. Ihre Widerstandsfähigkeit ist ein unverzichtbares Merkmal echter Friedensstifter: Friedensarbeit ist nämlich ein ständiges Neuanfangen. Das Engagement und die Liebe zum Frieden kennen keine Angst vor scheinbaren Niederlagen und lassen sich nicht von Enttäuschungen beugen, sondern behalten Weitblick und vermögen alle Gegebenheiten hoffnungsvoll auf sich zu nehmen und anzunehmen. Es braucht Zähigkeit, um Frieden zu schaffen; es braucht Beharrlichkeit, um das Leben zu bewahren und wachsen zu lassen.
Befragen Sie Ihre Geschichte. Fragen Sie sich, woher die beeindruckende Energie stammt, die Ihr Volk nie am Boden und ohne Hoffnung gelassen hat. Sie sind ein vielfältiges Land, eine Gemeinschaft von Gemeinschaften, die jedoch durch eine gemeinsame Sprache vereint ist. Ich beziehe mich nicht nur auf das levantinische Arabisch, das Sie sprechen und durch das Ihre große Vergangenheit Perlen von unschätzbarem Wert hervorgebracht hat, sondern vor allem auf die Sprache der Hoffnung, die es Ihnen immer ermöglicht hat, neu anzufangen. Um uns herum, fast überall auf der Welt, scheint eine Art Pessimismus und ein Gefühl der Ohnmacht zu herrschen: Die Menschen scheinen nicht einmal mehr in der Lage, die Frage nach dem zu stellen, was sie tun können, um den Lauf der Geschichte zu ändern. Die großen Entscheidungen scheinen von wenigen getroffen zu werden, oft zum Nachteil des Gemeinwohls, und das erscheint wie ein unausweichliches Schicksal. Sie haben stark gelitten unter den Folgen einer Wirtschaft, die tötet (vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 53), unter der globalen Instabilität, die auch in der Levante verheerende Auswirkungen hat, unter der Radikalisierung verschiedener Gruppierungen und unter Konflikten: Aber Sie haben immer wieder einen Neuanfang gewollt und geschafft.
Der Libanon kann sich einer lebendigen, gut gebildeten Zivilgesellschaft rühmen, die reich an jungen Menschen ist, die fähig sind, die Träume und Hoffnungen eines ganzen Landes zum Ausdruck zu bringen. Ich ermutige Sie daher, sich niemals von der Bevölkerung zu lösen und sich mit Engagement und Hingabe in den Dienst Ihres Volkes zu stellen, das so reich an Vielfalt ist. Möge es Ihnen beschieden sein, eine einzige Sprache sprechen: die Sprache der Hoffnung, die alle dazu bringt, immer wieder neu anzufangen. Der Wunsch, als Volk miteinander zu leben und zu wachsen, mache aus jeder Gruppe eine Stimme in einem vielstimmigen Chor. Dabei helfe Ihnen auch die tiefe liebevolle Verbundenheit, die viele in der Welt verstreute Libanesen mit ihrem Land verbindet. Sie lieben ihre Herkunft, beten für das Volk, dem sie sich zugehörig fühlen, und unterstützen es mit den vielfältigen Erfahrungen und Fähigkeiten, die ihnen überall Anerkennung einbringen.
Damit kommen wir zu einem zweiten Merkmal der Friedensstifter: Sie sind nicht nur in der Lage, neu anzufangen, sondern sie tun dies vor allem auf dem beschwerlichen Weg der Versöhnung. Es gibt nämlich persönliche und kollektive Wunden, deren Heilung viele Jahre, manchmal ganze Generationen erfordert. Wenn sie nicht behandelt werden, wenn man beispielsweise nicht daran arbeitet, die Erinnerung zu heilen, und diejenigen einander anzunähern, die Unrecht und Ungerechtigkeit erlitten haben, dann ist es schwierig, zum Frieden zu finden. Man bleibt stehen, ein jeder in seinem Schmerz und seinen eigenen Beweggründen gefangen. Die Wahrheit kann hingegen nur durch Begegnung in Ehren gehalten werden. Jeder von uns sieht einen Teil der Wahrheit, kennt einen Aspekt davon, kann aber nicht auf das verzichten, was nur der andere weiß, was nur der andere sieht. Wahrheit und Versöhnung wachsen immer und nur gemeinsam: in einer Familie, zwischen den verschiedenen Gemeinschaften und den verschiedenen Seelen eines Landes ebenso wie zwischen den Nationen.
Gleichzeitig gibt es keine dauerhafte Versöhnung ohne ein gemeinsames Ziel, ohne Offenheit für eine Zukunft, in der das Gute über das Böse siegt, das in der Vergangenheit oder Gegenwart erlitten oder zugefügt wurde. Eine Kultur der Versöhnung entsteht daher nicht nur von unten, aus der Bereitschaft und dem Mut einiger weniger, sondern bedarf auch der Autoritäten und Institutionen, die das Gemeinwohl über das Partikularwohl stellen. Das Gemeinwohl ist mehr als die Summe vieler Interessen: Es nähert die Ziele der Einzelnen einander soweit wie möglich an und führt sie in eine Richtung, in der alle mehr erreichen als wenn sie alleine vorgehen würden. Der Friede ist in der Tat viel mehr als ein stets prekäres Gleichgewicht zwischen Menschen, die getrennt unter einem Dach leben. Friede bedeutet, als versöhnte Menschen in Gemeinschaft zusammenleben zu können. Eine Versöhnung, die uns nicht nur zusammenleben lässt, sondern uns auch lehrt, Seite an Seite für eine gemeinsame Zukunft zusammenzuarbeiten. Und dann wird der Friede zu jener Fülle, die uns überrascht, wenn sich unser Horizont über alle Schranken und Grenzen hinaus weitet. Manchmal denken wir, dass wir alles klären und lösen müssen, bevor wir irgendetwas unternehmen, doch es ist der gegenseitige Austausch, auch bei Missverständnissen, der den Weg zur Versöhnung ebnet. Die wichtigste Wahrheit von allen ist, dass wir gemeinsam Teil eines Plans sind, den Gott gefasst hat, damit wir zu einer Familie werden.
Schließlich möchte ich noch ein drittes Merkmal von Friedensstiftern hervorheben. Sie wagen es, zu bleiben, auch wenn dies Opfer erfordert. Es gibt Momente, in denen es einfacher ist, zu fliehen, oder es einfach bequemer erscheint, woanders hinzugehen. Es erfordert wirklich Mut und Weitsicht, im eigenen Land zu bleiben oder dorthin zurückzukehren und auch schwierige Bedingungen als der Liebe und Hingabe würdig anzusehen. Wir wissen, dass Unsicherheit, Gewalt, Armut und viele andere Bedrohungen hier wie an anderen Orten der Welt dazu führen, dass junge Menschen und Familien ihre Heimat verlassen, um anderswo eine Zukunft zu suchen, auch wenn es ihnen große Schmerzen bereitet, ihr Heimatland zu verlassen. Es ist sicherlich anzuerkennen, dass Ihnen allen viel Gutes von den über die ganze Welt verstreuten Libanesen zuteilwird. Wir dürfen dennoch nicht vergessen, dass das Bleiben in der Heimat und das tägliche Mitwirken an der Entwicklung einer Zivilisation der Liebe und des Friedens etwas sehr Wertvolles bleibt.
Die Kirche ist nämlich nicht nur um die Würde derjenigen besorgt, die in andere Länder auswandern, sondern möchte, dass niemand zur Auswanderung gezwungen wird und dass jeder, der dies wünscht, sicher zurückkehren kann. Die Mobilität der Menschen stellt zwar eine enorme Chance der Begegnung und gegenseitiger Bereicherung dar, doch hebt sie nicht die besondere Bindung auf, die einen jeden mit bestimmten Orten verbindet, denen er seine Identität in ganz besonderer Weise verdankt. Und Friede wächst immer in einem konkreten Lebenskontext, der aus geographischen, historischen und geistigen Verbindungen besteht. Es gilt, diejenigen zu ermutigen, die diese Bande fördern und daraus leben, ohne dabei in Kleinstaaterei und Nationalismus zu verfallen. In der Enzyklika Fratelli tutti wies Papst Franziskus diesen Weg: »Wir müssen auf das Globale schauen, das uns von einem beschaulichen Provinzialismus erlöst. Wenn unser Zuhause nicht mehr Heimat ist, sondern einem Gehege oder einer Zelle gleicht, dann befreit uns das Globale, weil es uns auf die Fülle hin orientiert. Gleichzeitig muss uns die lokale Dimension am Herzen liegen, denn sie besitzt etwas, was das Globale nicht hat: Sie ist Sauerteig, sie bereichert, sie setzt subsidiäre Maßnahmen in Gang. Daher sind die universale Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft im Inneren jeder Gesellschaft zwei untrennbare und gleichwichtige Pole« (Nr. 142).
Dies ist nicht nur für den Libanon eine Herausforderung, sondern für die gesamte Levante: Was kann getan werden, damit insbesondere die jungen Menschen sich nicht gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen und auszuwandern? Wie kann man sie motivieren, den Frieden nicht anderswo zu suchen, sondern dabei zu mitzuhelfen, ihn in ihrer Heimat sicherzustellen und selbst mitzugestalten? Christen und Muslime, zusammen mit allen religiösen und zivilen Teilen der libanesischen Gesellschaft, sind aufgerufen, ihren Teil dazu beizutragen und sich dafür einzusetzen, die internationale Gemeinschaft dafür zu sensibilisieren.
In diesem Zusammenhang möchte ich die unverzichtbare Rolle der Frauen im mühsamen und geduldigen Engagement für die Bewahrung und den Aufbau des Friedens hervorheben. Vergessen wir nicht, dass Frauen eine besondere Fähigkeit zur Friedensstiftung haben, weil sie es verstehen, tiefe Bindungen zum Leben, zu Menschen und zu Orten zu pflegen und zu entwickeln. Ihre Teilnahme am sozialen und politischen Leben wie auch am Leben ihrer religiösen Gemeinschaften ist – ähnlich wie die Energie, die von jungen Menschen ausgeht – weltweit ein Faktor echter Erneuerung. Selig sind daher die Friedensstifterinnen und selig sind die jungen Menschen, die bleiben oder zurückkehren, damit der Libanon weiterhin ein Land voller Leben ist.
Ich schließe mit einem weiteren wertvollen Merkmal Ihrer jahrtausendealten Tradition. Sie sind ein Volk, das die Musik liebt, die an Festtagen zum Tanz wird, der Sprache der Freude und der Gemeinschaft. Dieser Aspekt Ihrer Kultur hilft uns zu verstehen, dass Friede nicht nur das Ergebnis menschlichen Bemühens ist, so notwendig dies auch sein mag: Der Friede ist ein Geschenk, das von Gott kommt und vor allem in unseren Herzen wohnt. Er ist wie eine innere Bewegung, die nach außen strömt und uns befähigt, uns von einer Melodie leiten zu lassen, die größer ist als wir selbst, nämlich der Melodie der göttlichen Liebe. Wer tanzt, schreitet leichtfüßig, ohne auf dem Boden zu trampeln, und bringt seine Schritte mit denen der anderen in Einklang. So ist der Friede: ein geistbewegtes Unterwegssein, das das Herz hörend und es den anderen gegenüber aufmerksamer und respektvoller werden lässt. Möge unter Ihnen diese Sehnsucht nach Frieden wachsen, die von Gott kommt und schon heute die Art und Weise verändern kann, wie man auf andere blickt und wie man gemeinsam in diesem Land lebt, einem Land, das der Herr zutiefst liebt und beständig segnet.
Herr Präsident, sehr geehrte Autoritäten, ich bedanke mich erneut für den freundlichen Empfang, den Sie mir bereiten. Seien Sie meiner Gebete und der Gebete der gesamten Kirche für Ihren anspruchsvollen Dienst am Gemeinwohl versichert.
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