APOSTOLISCHE REISE VON PAPST LEO XIV.
NACH SPANIEN
(6.-12. JUNI 2026)
GEBETSVIGIL
Olympiastadion „Lluís Companys“
Dienstag, 9. Juni 2026
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Heiliger Vater, wir wachsen heran und hören ständig, dass das einzige Ziel im Leben darin besteht, produktiv zu sein, Erfolg zu haben und unser Image zu pflegen. Ich selbst habe es versucht, aber ich habe nur eine große Leere empfunden. Auf der Suche nach Antworten hat mein Leben eine Wende genommen und an diesem Osterfest habe ich die Taufe empfangen. Nun, da ich mich auf diesem neuen Weg befinde, frage ich Sie: Wie können wir unseren Blick auf das gerichtet halten, was wirklich zählt, wenn die Gesellschaft uns dazu drängt, ständig nach unten oder nur auf uns selbst zu schauen? Wie können wir inmitten dieser Strömung unsere wahre Berufung entdecken?
1. Danke für dieses Zeugnis. Vor allem freue ich mich mit dir und allen, die dieses Jahr an Ostern das Sakrament der Taufe empfangen haben. Zahlreiche Jugendliche und Erwachsene entdecken den christlichen Glauben wieder, vielleicht nach einer Lebensphase, in der sie sich ein wenig von Gott entfernt hatten. Das ist ein wirklich wichtiger Schritt. Tatsächlich trägt alles, was wir auf unserem Weg nach und nach entdecken, annehmen und erleben, sicherlich zu unserem Wachstum, unserer Reife und zur Erweiterung innerer Lebensräume bei; doch gleichzeitig erkennen wir inmitten der Freuden, Erfolge und Niederlagen, dass wir ein anderes Wasser brauchen, um unseren tiefen Durst zu stillen. Unser Verlangen nach Wahrheit und Glück braucht einen weiteren Horizont. Und diese Unruhe ist ein Geschenk, das Gott selbst uns gegeben hat: Wir sind auf das Unendliche hin geschaffen, und deshalb treibt uns jeder endliche Horizont, jeder Schritt, jede Errungenschaft, bei aller Befriedigung zugleich voran und lädt uns ein, weiter zu suchen, suchend voranzugehen, aber vor allem „innerlich hinabsteigend“ zu suchen, das heißt, in die Tiefe zu gehen.
Und hier komme ich mit zwei kurzen Gedanken auf die Frage zurück. Der erste: Es ist notwendig, diese gesunde Unruhe zu pflegen. Die in unseren Gesellschaften anzutreffende Vergötterung von Gewinn und Leistung, die Sucht, immer etwas produzieren zu müssen und Sieger zu sein, wie auch der Kult um das eigene Image, sind nichts anderes als Betäubungsmittel, die unser Bewusstsein einschläfern und es an eine bestimmte Vorstellung von Gesellschaft anpassen. Wenn Menschen lernen, innezuhalten, den wichtigen Dingen Wert beizumessen, die Zeit auf neue Weise zu schätzen und über das eigene Leben nachzudenken, indem sie sich vom Evangelium erleuchten lassen, entwickeln sie auch ein kritisches Denken gegenüber einem Gesellschaftssystem, das den Menschen nicht in den Mittelpunkt stellt und auf verschiedenen Ebenen Situationen existenzieller Ungerechtigkeit und Armut hervorruft. Deshalb macht die Unruhe Angst, ebenso wie die Entdeckung der Innerlichkeit, der Spiritualität und noch mehr des Evangeliums. Der zweite Gedanke: Genau in dieser Welt müssen wir die Unruhe pflegen, nicht in einer anderen. In eben dieser Gesellschaft hast du und viele andere den Wert eines menschlicheren, erfüllteren Lebens entdeckt, das offen ist für die Begegnung mit Gott und die Freude des Glaubens. Trotz aller Schwierigkeiten gilt: Der Ort, an dem Gott gegenwärtig ist und an dem wir seine Spuren finden sollen, ist immer genau jener Ort, wo wir uns gerade befinden. Wir glauben, dass der Heilige Geist still in allen Situationen des Lebens und der Geschichte handelt und wirkt, selbst in jenen, die am schwierigsten erscheinen. Aber wir müssen diese Unruhe pflegen und ihr Raum geben; wie gesagt, „innen suchen“, indem wir uns bemühen, uns nicht von den Rhythmen und Verlockungen der Außenwelt überwältigen zu lassen, Momente der Stille pflegen, vielleicht jeden Tag ein paar Minuten innehalten, um das Evangelium zu lesen und mit Gott zu sprechen, und auch versuchen, diesen inneren Weg gemeinsam mit anderen zu gehen, uns auf den kirchlichen Wegen begleiten zu lassen und uns mit Priestern, Ordensleuten und Menschen auseinanderzusetzen, die wie wir diesen Weg eingeschlagen haben.
Heiliger Vater, in einer Welt, die oftmals sehr laut ist, gibt es Aspekte des Lebens, über die aus Scham geschwiegen wird; wie etwa die Depression, eine stille Krankheit, von der viele Menschen – Jugendliche wie Erwachsene – betroffen sind und die Dunkelheit, Isolation und unermesslichen Schmerz mit sich bringt. Manchmal ist dieser Schmerz so erdrückend, dass der Gedanke, zu verschwinden, der einzige Ausweg zu sein scheint. Ich selbst habe jahrelang still gegen diese Krankheit gekämpft, und an einem Freitagabend habe ich den Kampf verloren und versucht, mir das Leben zu nehmen. Ich bin hier, weil Gott mir eine zweite Chance gegeben hat und dafür werde ich ihm ewig dankbar sein, aber es gibt viele andere, die weiterhin mit dieser Dunkelheit zu kämpfen haben. Deshalb frage ich Sie von ganzem Herzen: Wo können wir Gott sehen, wenn die Dunkelheit total ist und wir nicht mehr weiterkönnen? Wie können wir auf Gott vertrauen, wenn es so scheint, als habe nichts einen Wert, nicht einmal wir selbst?
2. Zunächst einmal vielen Dank, dass du heute deine schmerzlichen Erfahrungen mit uns teilst. Es berührt mich, dass du darüber sprechen kannst, dass du hier unter uns bist und dass du die Kraft gefunden hast, diese zweite Chance anzunehmen, die der Herr dir geschenkt hat. Du bist wiederaufgestanden und hast deinen Weg wiederaufgenommen, und das ist ein unglaubliches Wunder, das wir bei vielen Gestalten im Evangelium sehen: Im Kontakt mit Jesus gewinnt selbst derjenige, der sich verloren fühlt, das Vertrauen ins Leben zurück, wird von seiner Krankheit geheilt und kann aufstehen, um ins Leben zurückzukehren.
In deiner Frage hast du zunächst die „stille Krankheit“ angesprochen, die Depression, und es ist wichtig, sich bewusst zu machen, wie die mentale Gesundheit in Gesellschaften, die sich als fortschrittlich betrachten, zunehmend bedroht ist. Das ist ein Zeichen dafür, dass etwas grundlegend nicht stimmt mit einer bestimmten Vorstellung von Wachstum, die den Menschen einem Druck, Erwartungen und Spannungen aussetzt, die sein inneres Gleichgewicht grundlegend beeinträchtigen. Deshalb braucht es ein Gesundheitssystem, das dieses unsichtbare und weit verbreitete Leiden, von dem auch junge Menschen betroffen sind, zu einer seiner Prioritäten macht.
Deine Worte haben uns jedoch auch gezeigt, dass der Schmerz den Glauben und den Sinn, den wir dem Leben zuschreiben, auf die Probe stellt. Das gilt für alle, nicht nur für diejenigen, die irgendwann einmal die Prüfung einer Krankheit durchleben.
Während ich dir zuhörte, dachte ich an jene Stunden der Finsternis, der Angst und des Schmerzes, die Jesus durchlebte, als die Stunde seines Todes näher rückte. Die Evangelien betonen in den Momenten des letzten Abendmahls und des Gebets in Getsemani, dass es Abend wurde, dass es dunkel wurde, und kurz vor seinem Tod am Kreuz berichten sie uns, dass „die ganze Erde in Finsternis gehüllt war“. Doch es handelt sich nicht nur um persönliches Leiden; der Sohn Gottes nimmt in seinem eigenen Fleisch all die Angst, die Einsamkeit und das Leid der Menschheit auf sich. In diesen dunklen Stunden, als er am Kreuz stirbt, teilt Jesus unseren Schmerz und offenbart uns das Antlitz eines barmherzigen Gottes, der unsere Qualen auf sich nimmt, der mit uns leidet, unsere Tränen weint und mit seiner Liebe und seinem Erbarmen an unserer Seite bleibt.
Diese Erfahrung ist schwierig, wie die Heilige Schrift mehrfach bezeugt; es gibt Momente der Dunkelheit und des Leidens, über die unsere Gesellschaft schweigt, denn gerade bestimmte kulturelle Erwartungen verlangen von uns, stets als Sieger und perfekt dazustehen, und deshalb müssen Grenzen, Schwäche und Schmerz beseitigt oder in das ohrenbetäubende Schweigen der Einsamkeit oder auch der Scham verbannt werden. Und in solchen Momenten können wir instinktiv denken, dass auch Gott uns verlassen hat. Doch das Kreuz Jesu sagt uns, dass Gott uns nicht verlässt, dass er in Momenten des Schmerzes und der äußersten Einsamkeit weiterhin mit uns gekreuzigt ist, dass er nicht nur unsere Tränen aufnimmt, sondern auch den Schrei unseres Leidens, den andere nicht hören – einen Schrei, den Jesus am Kreuz zu seinem eigenen machte, als er ausrief: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Mt 27,46).
Es gibt eine Katechese über die letzten Stunden Jesu, in der Benedikt XVI. sagt, dass sein Leiden sich in Gebet und lautes Rufen verwandelt, und dass dies auch für uns gilt: Angesichts der schwierigsten und schmerzhaftesten Situationen, wenn Gott abwesend zu sein scheint, müssen wir ihm erneut die Lasten anvertrauen, die wir im Herzen tragen, auch indem wir zu ihm schreien, auch wenn wir wie Hiob protestieren, in der Gewissheit, dass er auf irgendeine Weise gegenwärtig und uns nahe ist, auch wenn er scheinbar schweigt. Aber ich glaube, dass wir das nicht alleine tun können. In den Stunden des Schmerzes müssen wir uns, zumindest soweit es möglich ist, jemandem öffnen, der uns hilft, ein einfaches Gebet zu sprechen, der uns diskret begleitet, ohne uns diesen Schmerz eilig erklären zu wollen, der uns an der Hand nimmt und uns aus diesem Schrei herausführt.
Diese Erfahrungen sind auch für uns Gläubige, für die ganze Kirche, eine Botschaft: Wir dürfen den Schmerz nicht spiritualisieren und ihn oberflächlich auf den „Willen Gottes“ oder einen seiner geheimnisvollen Pläne zurückführen, denn damit laufen wir Gefahr, dieses Leiden zu verharmlosen, es zum Schweigen zu bringen und die Menschen zu verletzen. Gott will das Leiden nicht, er trägt es mit uns und lädt uns ein, beharrlich auf ihn zu vertrauen. Erinnern wir uns an das, was Papst Franziskus sagte: Mit Gott wird das Leben immer wieder neu geboren.
Guten Abend, Heiliger Vater. Ich stamme aus einer Familie aus einem sehr armen Viertel von Barcelona. Als ich klein war, versuchte mein Vater, meine Mutter zu töten, doch sie wurde gerettet, weil ein Junge eingriff, der dabei ums Leben kam. Mein Vater kam ins Gefängnis, und meine Mutter geriet in die Drogenszene. Mit zehn Jahren nahm mich das Jugendamt in Obhut und brachte mich in das Kinderheim San José de la Montaña. Anfangs war es schwer, denn ich hatte eine Mauer um mich herum errichtet, um mich zu schützen, und ließ niemanden hinein. Doch nach und nach erlebte ich zum ersten Mal die Liebe einer Familie, und mein Herz öffnete sich. Dort erzählten sie mir von Jesus, ich begann zu beten und ließ mich taufen. Aber in meiner Jugend lehnte ich mich oft gegen Gott auf. Man lud mich zu Exerzitien ein, und dort erlebte ich zum ersten Mal die Liebe Gottes. Doch nun sind schon einige Monate vergangen, und es fällt mir immer noch schwer, meinem Vater zu vergeben. Und manchmal erhebe ich meine Augen zum Himmel und frage ihn: Wo warst du, als ich ein kleines Mädchen war? Heiliger Vater, wie kann ich meinem Vater vergeben, der mir beinahe meine Mutter genommen hätte? Wie kann ich mich wirklich mit Gott versöhnen?
3. Danke für dein Zeugnis und danke auch für die Frage zur Vergebung. Es ist wirklich ein Zeichen der Gnade Gottes, dass diese Frage aus einer Vergangenheit kommt, die so sehr vom Leid geprägt ist, und dass man trotz des Schmerzes den Mut hat, zu fragen, wie es möglich ist, dem zu vergeben, der uns Unrecht getan hat. Dazu möchte ich auch hier zwei Dinge sagen.
Der erste Punkt ergänzt das, was ich zuvor über die Gegenwart Gottes in den Stunden unseres Leidens gesagt habe; im Grunde stellst auch du diese Frage in Bezug auf deine Kindheit, doch der Kontext, in dem sich die Ereignisse deines Lebens zugetragen haben, verlangt von uns, den Radius unserer Frage zu erweitern: Sollen wir uns fragen „wo Gott war“, oder sollen wir uns Fragen stellen zum Menschen und zur Menschheit, etwa, wie es sein kann, dass wir manchmal Gefangene des Bösen sind, die anderen gegenüber gewalttätig werden, oder warum es uns nicht gelingt, zu lieben und die Würde und Freiheit der anderen zu achten?
Viele Polizeiberichte spiegeln auch heute noch ein vergiftetes Klima in familiären Beziehungen wider, das geprägt ist von Missbrauch und Unterdrückung, insbesondere von Gewalt gegen Frauen, die leider oft auch in Femiziden endet. Wir alle sind gefordert, uns dieser dramatischen Realität, die auch anthropologische und kulturelle Wurzeln hat, zu stellen, persönlich wie auch als Gesellschaft, denn wir müssen sie in all ihren Dimensionen angehen. Wir dürfen Gott nicht das zuschreiben, was unserer Verantwortung anvertraut wurde; wir dürfen uns nicht vorstellen, dass Gott von oben automatisch auf unsere Bedürfnisse reagiert oder auf wundersame Weise verhindert, dass das Böse geschieht. Er hat uns mit Verstand und Willen ausgestattet, uns ein Gewissen gegeben, uns mit Würde und Freiheit bekleidet und vor allem ist er uns entgegengekommen, um uns in seinem Sohn Jesus Christus den Weg zu weisen, den wir gehen müssen, damit unser Leben wahrhaft menschlich ist und in unserer Gesellschaft Gerechtigkeit, Frieden und Geschwisterlichkeit herrschen. Er hat uns seinen eigenen Geist geschenkt, gerade damit die Liebe der Schlüssel zu all unseren zwischenmenschlichen Beziehungen ist. Wenn es Gewalt gibt, wenn der Egoismus triumphiert, wenn sogar die Liebe unter Familienmitgliedern in Hass umschlägt, müssen wir uns Fragen stellen – über uns selbst, über die Dynamiken unserer Gesellschaft, über die Kultur des Individualismus, über die Versuchung zur Gewalt, und nicht über Gott.
Ein zweiter Punkt betrifft die Vergebung. Wir müssen lernen, die Vergebung – dieses wirksame Heilmittel gegen das Böse, das unsere inneren Wunden heilt – als Teil eines Prozesses, eines Weges zu betrachten. Wenn wir das Evangelium als ein Buch voller Anweisungen, Gebote und Pflichten lesen, besteht Gefahr, dass wir große Entmutigung und Frustration erfahren, denn während Jesus uns zur Vergebung einlädt, erleben wir, dass wir dazu nicht fähig sind. Doch so ist es nicht. Vergebung müssen wir vor allem vom Herrn erbitten; immer weiter darum bitten – vielleicht ein Leben lang –, dass der Herr in uns den Raum der Liebe gerade dort erweitert, wo wir verletzt worden sind, dass er uns hilft, uns mit uns selbst und mit jenem Teil unserer Geschichte, der vom Leiden geprägt ist, zu versöhnen, dass er den Groll langsam in Barmherzigkeit und Mitgefühl verwandelt.
Es ist ein langer Weg, ein Prozess, der viel Geduld erfordert, etwas, wo wir an uns selbst arbeiten müssen, sowohl persönlich als auch durch andere Wege der Begleitung und auch inneren Versöhnung. Dabei ist es wichtig, nicht den Mut zu verlieren: Vergebung erfolgt in kleinen Schritten. Die Versöhnung mit der Vergangenheit ist ein schrittweiser Prozess, und vor allem dürfen wir nicht glauben, dass Vergebung immer und in jedem Fall bedeutet, zur vorherigen Situation zurückzukehren oder wieder eine ungetrübte Beziehung mit demjenigen zu leben, der uns verletzt hat – besonders wenn die Tat mit Gewalt verbunden war. Man kann der Person gegenüber eine positive Einstellung bewahren, jede Form von Hass oder Rache ablehnen, sich bemühen, die Beziehung so gut wie möglich wiederherzustellen, und vielleicht sogar für ihn oder sie beten: All das hilft uns, immer tiefer in die Dynamik der Vergebung einzutreten und uns mit Gott und den anderen zu versöhnen. Wir sind Sünder, denen vergeben wurde, wir sind im Frieden und fähig zu vergeben. Fähig, Boten des Friedens zu sein.
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Liebe Brüder und Schwestern, geliebte Söhne und Töchter Gottes. Wie Nikodemus sind auch wir Pilger in der Nacht. Dieses Bild aus dem Evangelium vermittelt uns vor allem eine Botschaft über den Weg des Lebens.
Unser Weg, unsere Sehnsüchte und all das, was wir täglich erfahren und leben, in den Freuden und Niederlagen, in den Hoffnungen und Plänen, ist Ausdruck unserer ständigen Suche: Wir sind Bettler um Liebe, wir hungern und dürsten nach Wahrheit, wir suchen nach einem umfassenden Sinn, der uns tragen kann, uns ermutigt und uns hilft, das Geheimnis unseres Lebens zu verstehen. Während wir uns mit kleinen Schritten langsam vorantasten, sind wir aufgerufen, uns mit dem Halbschatten unseres eigenen Daseins zu konfrontieren: Uns fehlt die ganze Wahrheit, wir kennen weder das Geheimnis unserer selbst in seiner ganzen Tiefe, noch das wahre Gesicht der anderen. Es gelingt uns nicht immer, die verborgene Wahrheit der uns umgebenden Realität und der Ereignisse, die sich vor unseren Augen abspielen, zu begreifen. Wir suchen nach einem Licht, das uns den Weg erhellt.
Aber Nikodemus spricht auch vom Glaubensweg. Es handelt sich dabei nicht um einen Pfad, der parallel zum menschlichen Dasein verläuft; diese beiden Wege sind stets miteinander verflochten. Wie wir im Evangelium gehört haben, hat Gott die Welt so sehr geliebt, dass er uns seinen einzigen Sohn geschenkt hat und sich in ihm für immer mit unserem Fleisch vereint hat. Der Sohn ist immer vereint mit dem Vater und verbunden mit uns; so leben wir immer, wenn sich das Geheimnis unseres Lebens im Licht eines neuen Tages entfaltet, in allem, was wir sind und tun, in der Gegenwart Gottes und sind in seiner ewigen Umarmung geborgen: Unser Leben »ist mit Christus verborgen in Gott« (Kol 3,3). Und doch erleben wir manchmal die Nacht des Glaubens, die Schwierigkeit zu glauben, die Erschöpfung des Geistes, das Gefühl der Unzulänglichkeit angesichts des Rufes des Evangeliums, die Bitterkeit unserer Misserfolge und die Angst, unfähig zu sein.
Brüder und Schwestern, Nikodemus lehrt uns, dass diese Nächte, die unser Leben, unseren Glaubensweg und die Geschichte, in der wir leben, begleiten, ein Ort des Segens sind, ein Raum der Wiedergeburt, ein Schoß, der stets neues Leben hervorbringt. Diese Nächte befreien uns und führen uns zurück zum Wesentlichen; sie nehmen uns die menschlichen und religiösen Masken weg, die wir tagsüber tragen, damit man uns nicht erkennt oder um ein Bild von uns zu vermitteln, das sich von dem unterscheidet, was wir wirklich sind; sie lassen uns entblößt dastehen, mit unseren Licht- und Schattenseiten und führen uns wieder zu der Demut zurück, uns mit Wahrhaftigkeit zu betrachten, jenseits der Anmaßung zu glauben, unser Weg sei bereits vollendet und wir weitergehen könnten, so als würden wir über alles, über alle und sogar über Gott genau Bescheid wissen.
Dieser „leere Raum“, den die Nacht schafft, kann auch unter der Form von Leid oder Unzufriedenheit, Enttäuschung oder Ungläubigkeit eine Gelegenheit sein, ein neues Leben zu empfangen, sich zu ändern und zu erneuern, damit man »von oben geboren wird«, wie Jesus zu Nikodemus sagt. Gott ist ja nicht gekommen, um die Welt mit ihrer Sünde und der Nacht ihrer Untreue zu richten, sondern er hat seinen Sohn gesandt, um sie zu retten, um der Welt das ewige Leben zu schenken.
Deshalb sind auch wir dazu aufgerufen, die „Nächte“ nicht zu verurteilen; weder die Nächte unseres Lebens, noch die der Kirche, noch die der uns umgebenden Gesellschaft. In der Nacht müssen wir uns stattdessen wie Nikodemus auf den Weg machen, weiterhin den Herrn befragen und uns dem Wehen des Heiligen Geistes öffnen, um die Nacht nicht mehr als Zeichen des Scheiterns, sondern als Beginn eines neuen Lebens anzunehmen.
Und wenn wir an unseren persönlichen Weg denken, aber auch an die Nächte unseres Weges als Kirche und an Spanien, an seine Städte, seine alte und neue Armut, seine Gesellschaft und Kultur, können wir uns fragen: Welche Nächte durchleben wir gerade? Was wollen sie uns sagen? Wenn wir uns auf sie einlassen und mit Demut und ohne Vorurteile die Realität dessen betrachten, was wir sind: zu welchen Änderungen sind wir aufgerufen? Wo müssen wir uns erneuern, in welche Richtung wollen wir gehen, welche Gesellschaft wollen wir aufbauen?
Hören wir nicht auf zu suchen, uns Fragen zu stellen und im Dialog zu bleiben – mit Gott und untereinander –, auch inmitten der Nacht. Lasst uns gemeinsam in dem Glauben vorangehen, der die Vielfalt unserer Ideen und Empfindungen in Einklang bringt, um die Wahrheit zu suchen, die uns zum Gemeinwohl führt, damit dieses Land ein einladender Ort für alle wird, in dem jeder in seiner Würde als Mensch geachtet und so geliebt wird, wie er ist. Öffnen wir uns für die Gabe des Heiligen Geistes, suchen wir den Herrn wie Nikodemus und nehmen wir das Licht seines Evangeliums auf, in der Gewissheit, dass wir selbst ein neues Leben erfahren werden, eine segensreiche Gegenwart, eine selbstlose Liebe, die uns helfen wird, von der Nacht ins Licht zu gelangen. Denn Gott will, dass nichts verloren geht, und schon jetzt möchte er uns das ewige Leben schenken, um uns zu der Freude zu führen, die kein Ende hat.
Möge der Herr uns auf die Fürsprache der Jungfrau Maria hin gewähren, dass wir uns ihm öffnen und uns vom Wind seines Geistes aufrütteln lassen.
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