HOCHFEST DER BEKEHRUNG DES APOSTELS PAULUS
FEIER DER ZWEITEN VESPER
59. GEBETSWOCHE FÜR DIE EINHEIT DER CHRISTEN
PREDIGT DES HEILIGEN VATERS LEO XIV.
Basilika Sankt Paul vor den Mauern
Sonntag, 25. Januar 2026
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Liebe Brüder und Schwestern,
in einer der Bibelstellen, die wir gerade gehört haben, bezeichnet sich der Apostel Paulus als »der Geringste von den Aposteln« (1 Kor 15,9). Er erachtet sich als dieses Titels unwürdig, da er in der Vergangenheit ein Verfolger der Kirche Gottes war. Dennoch ist er kein Gefangener dieser Vergangenheit, sondern vielmehr »der Gefangene im Herrn« (Eph 4,1). Durch die Gnade Gottes hat er nämlich Jesus, den auferstandenen Herrn, kennengelernt, der sich Petrus, dann den Aposteln und Hunderten anderen Anhängern des Weges Jesu und schließlich auch ihm, einem Verfolger, geoffenbart hat (vgl. 1 Kor 15,3-8). Seine Begegnung mit dem Auferstandenen führte zu der Bekehrung, deren wir heute gedenken.
Die Tragweite dieser Bekehrung spiegelt sich in der Änderung seines Namens von Saulus zu Paulus wider. Durch die Gnade Gottes wurde derjenige, der Jesus einst verfolgte, vollständig verwandelt und zu seinem Zeugen. Derjenige, der den Namen Christi einst brutal bekämpfte, verkündet nun seine Liebe mit glühendem Eifer, wie es der Hymnus, den wir zu Beginn dieser Feier gesungen haben, eindrücklich zum Ausdruck bringt (vgl. Excelsam Pauli gloriam, V. 2). Nun, da wir hier bei den sterblichen Überresten des Völkerapostels versammelt sind, werden wir daran erinnert, dass seine Sendung auch die Sendung aller Christen heute ist: Christus zu verkünden und alle einzuladen, auf ihn zu vertrauen. Jede echte Begegnung mit dem Herrn ist nämlich ein Moment der Verwandlung, der eine neue Sichtweise und eine neue Ausrichtung schenkt, sodass wir die Aufgabe des Aufbaus des Leibes Christi erfüllen können (vgl. Eph 4,12).
Das Zweite Vatikanische Konzil hat am Anfang der Konstitution über die Kirche den innigen Wunsch zum Ausdruck gebracht, allen Geschöpfen das Evangelium zu verkünden (vgl. Mk 16,15) und so »alle Menschen durch seine Herrlichkeit [Christi], die auf dem Antlitz der Kirche widerscheint, zu erleuchten« (Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 1). Es ist die gemeinsame Aufgabe aller Christen, der Welt mit Demut und Freude zu sagen: »Schaut auf Christus! Kommt zu ihm! Nehmt sein Wort an, das erleuchtet und tröstet!« (Predigt in der Messe zum Beginn des Pontifikats, 18. Mai 2025). Meine Lieben, die Gebetswoche für die Einheit der Christen ruft uns jedes Jahr dazu auf, unser gemeinsames Engagement für diese wichtige Sendung zu erneuern, in dem Bewusstsein, dass die Spaltungen unter uns zwar das Licht Christi nicht daran hindern zu leuchten, aber dennoch das Antlitz trüben, das es gegenüber der Welt widerspiegeln soll.
Im vergangenen Jahr haben wir den 1700. Jahrestag des Konzils von Nizäa gefeiert. Seine Heiligkeit, der Ökumenische Patriarch Bartholomäus, hatte dazu eingeladen, dieses Jubiläum in İznik zu begehen, und ich danke Gott dafür, dass vor zwei Monaten so viele christliche Traditionen bei dieser Gedenkfeier vertreten waren. Das gemeinsame Beten des Nizänischen Glaubensbekenntnisses an dem Ort, an dem es verfasst wurde, war ein wertvolles und unvergessliches Zeugnis unserer Einheit in Christus. Dieser Moment der Brüderlichkeit ermöglichte es uns auch, den Herrn für das zu preisen, was er in den Vätern von Nizäa gewirkt hat, indem er ihnen half, die Wahrheit eines Gottes, der sich uns in Jesus Christus näherte, klar zum Ausdruck zu bringen. Möge der Heilige Geist auch heute in uns die fügsame Intelligenz finden, um den Männern und Frauen unserer Zeit mit einer Stimme den Glauben zu verkünden!
In dem Abschnitt aus dem Epheserbrief, der als Thema für die diesjährige Gebetswoche gewählt wurde, hören wir immer wieder das Wort „eins“: ein Leib, ein Geist, eine Hoffnung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott (vgl. Eph 4,4-6). Liebe Brüder und Schwestern, wie könnten diese inspirierten Worte uns nicht tief berühren? Wie könnte unser Herz angesichts ihrer Eindringlichkeit nicht brennen? Ja, wir »teilen nämlich den Glauben an den einen und einzigen Gott, den Vater aller Menschen, und wir bekennen gemeinsam den einen Herrn und wahren Sohn Gottes Jesus Christus und den einen Heiligen Geist, der uns beseelt und zur vollen Einheit und zum gemeinsamen Zeugnis für das Evangelium drängt« (Apostolisches Schreiben In unitate fidei, 12). Wir sind eins! Wir sind es bereits! Erkennen wir es an, erleben wir es, bekunden wir es!
Mein geschätzter Vorgänger Papst Franziskus hat darauf hingewiesen, dass der synodale Weg der katholischen Kirche »ökumenisch ist und sein muss, genauso wie der ökumenische Weg synodal ist« (Ansprache an Seine Heiligkeit Mar Awa III, 19. November 2022). Dies zeigte sich in den beiden Versammlungen der Bischofssynode von 2023 und 2024, die von einem tiefen ökumenischen Eifer geprägt und durch die Teilnahme zahlreicher brüderlicher Delegierter bereichert wurden. Ich glaube, dass dies ein Weg ist, um gemeinsam im gegenseitigen Verständnis der jeweiligen synodalen Strukturen und Traditionen zu wachsen. Während wir auf das 2000-jährige Jubiläum des Leidens, des Todes und der Auferstehung des Herrn Jesus im Jahr 2033 blicken, wollen wir uns bemühen, die ökumenischen synodalen Praktiken weiterzuentwickeln und einander mitzuteilen, wer wir sind, was wir tun und was wir lehren (vgl. Für eine synodale Kirche, 137-138).
Meine Lieben, am Ende der Gebetswoche für die Einheit der Christen richte ich meinen herzlichen Gruß an Kardinal Kurt Koch, die Mitglieder, Berater und Mitarbeiter des Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen sowie an die Mitglieder der theologischen Dialoge und anderer vom Dikasterium geförderter Initiativen. Ich bin dankbar für die Anwesenheit zahlreicher führender Persönlichkeiten und Vertreter verschiedener christlicher Kirchen und Gemeinschaften aus aller Welt bei dieser Liturgie, insbesondere von Metropolit Polykarpos für das Ökumenische Patriarchat, Erzbischof Khajag Barsamian für die Armenisch-Apostolische Kirche und Bischof Anthony Ball für die Anglikanische Gemeinschaft. Ich begrüße auch die Stipendiaten des Komitees für kulturelle Zusammenarbeit mit den orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchen des Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen, die Studenten des Ökumenischen Instituts Bossey des Ökumenischen Rates der Kirchen, die ökumenischen Gruppen und Pilger, die an dieser Feier teilnehmen.
Die Texte und Gebete der diesjährigen Gebetswoche für die Einheit der Christen wurden von den Kirchen in Armenien vorbereitet. Mit tiefer Dankbarkeit denken wir an das mutige christliche Zeugnis des armenischen Volkes im Laufe der Geschichte, einer Geschichte, die durchgehend vom Martyrium geprägt war. Am Ende dieser Gebetswoche gedenken wir des heiligen Katholikos Nersès Šnorhali „des Begnadeten“, der sich im 12. Jahrhundert für die Einheit der Kirche einsetzte. Er war seiner Zeit voraus, als er erkannte, dass das Streben nach Einheit eine Aufgabe ist, die allen Gläubigen zukommt und die Heilung der Erinnerung erfordert. Der heilige Nersès kann uns auch lehren, welche Haltung wir auf unserem ökumenischen Weg einnehmen sollten. So hat mein verehrter Vorgänger, der heilige Johannes Paul II., in Erinnerung gerufen, »dass die Christen tief davon überzeugt sein müssen, dass die Einheit grundlegend ist, nicht wegen eines strategischen Vorteils oder politischen Verdienstes, sondern im Interesse der Verkündigung des Evangeliums« (Predigt bei der ökumenischen Feier, Eriwan, 26. September 2001).
Die Tradition berichtet uns vom Zeugnis Armeniens als erste christliche Nation, durch die Taufe von König Tiridates im Jahr 301 durch den heiligen Gregor den Erleuchter. Danken wir dafür, dass die Völker Ost- und Westeuropas durch die unerschrockenen Verkünder des rettenden Wortes den Glauben an Jesus Christus angenommen haben. Und beten wir, dass die Samen des Evangeliums auf diesem Kontinent weiterhin Früchte der Einheit, der Gerechtigkeit und der Heiligkeit hervorbringen, auch zum Wohl des Friedens zwischen den Völkern und Nationen der ganzen Welt.
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