APOSTOLISCHE REISE VON PAPST LEO XIV.
NACH FRANKREICH UND BESUCH AM SITZ DER UNESCO
(ORGANISATION DER VEREINTEN NATIONEN FÜR BILDUNG, WISSENSCHAFT UND KULTUR)
25.–28. SEPTEMBER 2026
BESUCH AM SITZ DER UN-ORGANISATION FÜR ERZIEHUNG,
WISSENSCHAFT UND KULTUR (UNESCO)
ANSPRACHE VON PAPST LEO XIV.
Hauptsitz der UNESCO (Paris)
Freitag, 25. September 2026
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Herr Generaldirektor,
Herr Präsident der Generalversammlung,
Herr Präsident des Exekutivrats,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren!
Ich freue mich, mich heute in dieser Versammlung der Nationen zu befinden, in der Sprachen und Kulturen sich begegnen, um gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten, das die gesamte Menschheitsfamilie betrifft: »zur Wahrung des Friedens und der Sicherheit beizutragen, um in der ganzen Welt die Achtung vor Recht und Gerechtigkeit, vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten zu stärken« (Verfassung der UNESCO, Art. 1, Abs. 1). Gemeinsam eine gerechte Welt zu gestalten, ist in der Tat das eigentliche Fundament der internationalen Zusammenarbeit. Unsere Erfahrungen, Fähigkeiten und Kompetenzen zielen darauf ab, einen Raum zu schaffen, der für alle gastfreundlich und für jeden fruchtbar ist, damit alle Völker in Frieden wachsen können.
Als Zeuge des Friedens richte ich meine herzlichen Grüße an Sie, die Vertreter der Mitgliedstaaten und Beobachter, der internationalen Organisationen, der Wissenschaft und der Zivilgesellschaft. Ich danke Herrn Khaled El-Enany, dem Generaldirektor dieser Organisation, für seine herzliche Einladung [und für die Worte, die er an uns gerichtet hat]. In meiner Eigenschaft als Hirte übermittle ich Ihnen das Wort der Kirche, die sich unaufhörlich selbst zur »Botschaft«, zum »Dialog« für alle Völker, Frauen und Männer guten Willens macht (Hl. Paul VI., Enzyklika Ecclesiam suam, 67).
Das Projekt, gemeinsam eine gerechte Welt zu gestalten, steht im Einklang mit einer Mission, die wir im Laufe der Geschichte zu teilen gelernt haben. In dieser Hinsicht stellt die UNESCO sowohl ein Ziel als auch ein Instrument dar, um diese Aufgabe heute mit verstärktem Engagement in unseren vielfältigen Tätigkeitsbereichen fortzusetzen. Im Jahr 2027 werden wir den 75. Jahrestag der Präsenz des Heiligen Stuhls bei der UNESCO begehen: eine Präsenz, die aus der Überzeugung erwächst, dass die Zukunft vor allem von der Achtung und Förderung der unveräußerlichen Würde jedes Menschen, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist, abhängt. Deshalb betrachten wir diese Organisation als einen bevorzugten Gesprächspartner im Dienst des Gemeinwohls, das »die gesellschaftliche Form der jedem Menschen zugestandenen Würde« ist, die wir alle von Natur aus und in gleicher Weise teilen (vgl. Enzyklika Magnifica humanitas, 59). Seit 1952 begleitet die Ständige Beobachtermission des Heiligen Stuhls in dieser Perspektive die Initiativen der UNESCO und leistet ihren Beitrag zum Dialog zwischen den Nationen, um eine authentische menschliche Entwicklung zu fördern, die nur dann als solche gilt, wenn sie auf »jeden Menschen und den ganzen Menschen« ausgerichtet ist« (Hl. Paul VI., Enzyklika Populorum progressio, 14).
In seiner Ansprache vor dieser Versammlung erinnerte mein verehrter Vorgänger, der heilige Johannes Paul II., daran, dass »genus humanum arte et ratione vivit«. Da »der Mensch nur dank der Kultur ein wahrhaft menschliches Leben lebt« (Ansprache an die UNESCO, 2. Juni 1980. Vgl. Thomas von Aquin, In Aristotelis Posteriora Analytica, 1.), bezeichnet dieses Wort die Lebensweise, durch die der Mensch allem, was er tut, einen Sinn verleiht. Sechsundvierzig Jahre später, da ich hier mitten unter Ihnen das Engagement des Heiligen Stuhls zur Zusammenarbeit bekräftige, lade ich Sie ein, die UNESCO nicht nur als eine angesehene internationale Organisation zu betrachten, sondern auch als einen Ort, an dem die Menschheit über sich selbst, über ihre Geschichte und über ihre Zukunft nachdenkt. Die Förderung von Bildung, Wissenschaft und Kultur ist in der Tat unmöglich ohne die Förderung des Lebens von Mann und Frau, die deren Protagonisten sind.
Im Bildungsbereich bringt die katholische Kirche eine sehr lange Erfahrung mit: Seit Jahrhunderten gründen ihre Gemeinschaften Schulen und Universitäten, lehren lesen und schreiben und sind selbst an den ärmsten und entlegensten Orten präsent. Mit dem Globalen Bildungspakt wollte mein Vorgänger Franziskus diese Erfahrung in ein umfassenderes Bildungsbündnis einbringen, das für den Beitrag aller offen ist. Doch was ich Ihnen vermitteln möchte, sind nicht in erster Linie die Werke selbst, sondern die Überzeugung, aus der sie hervorgehen. Keine Bildung ist vollständig, wenn sie nicht die Frage nach dem Sinn anspricht. In derselben Ansprache erinnerte der heilige Johannes Paul II. daran: Erziehen bedeutet, dem Menschen zu helfen, mehr zu »sein« und nicht nur mehr zu »haben«, indem man in ihm auch jene Transzendenz der Person anerkennt, die zur Fülle seines Menschseins gehört (vgl. ebd., 10-11).
[auf Englisch:]
In dieser Versammlung gilt es daher, eine grundlegende Frage zu erörtern, die sich uns mit Dringlichkeit stellt: Was bedeutet es, Mensch zu sein? Jede Kultur ist in diese Frage eingebunden, die den Kern jeder Form von Wissen, jeder Kunst und jeder Religion bildet. Denn selbst im 21. Jahrhundert können wir es nicht als selbstverständlich ansehen, dass wir wissen, wer der Mensch ist oder was es bedeutet, menschlich zu leben. Tatsächlich ist jede Generation dazu aufgerufen, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, insbesondere angesichts von Tragödien, die sich leider auch heutzutage ereignen.
Zunächst einmal ist der Mensch jemand, der empfangen und geboren wurde; Mensch zu sein bedeutet daher in erster Linie, ein Kind zu sein. Keiner von uns hat sich dafür entschieden. Niemand hat entschieden, von wem, wann oder wo er geboren werden sollte. Diese offensichtliche Wahrheit wirft ein Licht auf etwas, das nicht nur biologischer, sondern auch ethischer Natur ist: Als Kinder sind wir alle Brüder und Schwestern. Von Anfang an ist unser Menschsein ein Geschenk und eine Prüfung, ein Versprechen und eine Verantwortung. Für jeden Menschen begründet die Geburt eine ursprüngliche Verbindung – eine Lebensgemeinschaft, die ihren Ursprung und ihren ersten Erziehungsort in der Familie hat.
Zweitens werden wir alle nackt und bedürftig geboren. Wir sind von Geburt her arm: bedürftig nach Brot und Worten, nach Fürsorge und Zuneigung – also nach allem, was Körper und Geist nährt. Das wissen wir gut; und doch laufen wir Gefahr, es zu vergessen, wenn wir erwachsen werden. Gerade die Bedürftigen leiden unter den schwerwiegendsten Folgen dieses Vergessens, wann immer ihr Menschsein verraten oder verworfen, ausgenutzt oder getäuscht wird. Das Vergessen unserer Geburt verschleiert die eigentliche Bedeutung des menschlichen Lebens, weil es das Leben von der Geschichte trennt, die uns allen gemeinsam ist. Dieses Leben wird nicht mehr als Geschenk verstanden, sondern als Ware. Es wird nicht mehr als ein Aufruf zu Fürsorge und Verantwortung gesehen, sondern als ein Produkt, das ausgebeutet werden kann. Genau diese tragische Alternative erinnert uns daran, dass Mensch zu sein bedeutet, von Natur aus frei zu sein. Da wir alle einst Kinder gewesen sind, beginnt unsere Freiheit mit unserer Antwort auf die Freiheit dessen, der sich uns zuerst zuwendet – sei es mit Gesten der Zuneigung oder der Ablehnung, der liebevollen Annahme oder der Vernachlässigung und Grausamkeit.
Drittens bedeutet, uns an unser gemeinsames Menschsein zu erinnern, seine Großartigkeit – das heißt sein immenses Potenzial – anzuerkennen, auch wenn es durch viele Formen des Bösen und der Ungerechtigkeit geschmälert wird. Die die in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Kultur Tätigen sind umso mehr aufgerufen, sich um jeden Menschen zu kümmern, damit die Schönheit unserer Freiheit aufstrahlen kann. Diese Schönheit hat einen Namen: Gerechtigkeit. Ja, Freiheit ist schön, wenn sie auf das Gute und die Wahrheit ausgerichtet ist; sie wird entstellt, wenn sie in Willkür, Gewalt oder Machtgier abgleitet. Mensch zu sein bedeutet also, Verantwortung angesichts der Geschichte zu tragen: Der Mensch ist ein Wesen, das wächst, lernt und mit beiden Händen und dem Verstand arbeitet. Durch diese Arbeit kann man die Erde bebauen oder sie entstellen, Kunstwerke schaffen oder sie zerstören. Gerade jetzt müssen wir erkennen, dass das schrecklichste aller „menschlichen Werke“ der Krieg ist; denn dabei wird die Wissenschaft selbst in den Dienst eines unmenschlichen Willens zur Zerstörung und zum Töten gestellt.
In diesem Sinn beginnt die Präambel der Verfassung der UNESCO mit Worten, die nach wie vor eine bemerkenswerte Aktualität bewahren – wie wir an der „Mauer für den Frieden“ gesehen haben: »Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden« (Verfassung der UNESCO, Präambel, 1945). Diese Worte wurden in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verfasst, der verheerendsten Tragödie des vergangenen Jahrhunderts. Die Menschheit hatte erkannt, dass wissenschaftlicher Fortschritt, wenn er von der Weisheit getrennt ist, zu einer Waffe der Zerstörung werden kann; dass Kultur, wenn sie sich der Ideologie unterwirft, zu Lüge und Propaganda verkommen kann; und dass Bildung, wenn sie die Wahrheit aufgibt, zu einem Instrument der Gewissensmanipulation werden kann. Die Gründungsstaaten der UNESCO verstanden, dass Verträge notwendig, aber für sich genommen nicht ausreichend sind. Sie bedürfen einer Kultur des Friedens und eines gemeinsamen Engagements für den Frieden, die sie stützen. Frieden lässt sich weder allein durch Verträge noch durch Kompromisse zwischen entgegengesetzten Kräften schaffen. Frieden ist echt, wenn er aus der Tugend der Gerechtigkeit und nicht aus einem bloßen Vertrag, aus einem aufrichtigen Willen und nicht aus einem labilen Interessengleichgewicht entspringt. Denn nur ein aufrichtiger Wille kann im anderen einen Bruder oder eine Schwester erkennen, einen Menschen wie man selbst einer ist.
Achtzig Jahre später haben die Worte Ihrer Gründungsurkunde nichts von ihrer Kraft verloren. Doch wir sehen auch, wie sehr dieses gemeinsame Prinzip durch Formen der Barbarei bedroht ist, die Rivalität und Konflikte schüren. Unter den Herausforderungen, denen sich Wissenschaft und Bildung heute gegenübersehen, möchte ich besonders auf jene hinweisen, die sich aus dem weiten Feld der Technologie ergeben. Unsere Bemühungen in diesem Bereich müssen sicherstellen, dass die neuen Technologien im Dienst des Menschen bleiben und nicht zu einem weiteren Instrument der Herrschaft und Ungerechtigkeit werden.
Im Laufe der Jahrhunderte wurden viele Aufgaben, die einst von Menschen ausgeführt wurden, Maschinen anvertraut, deren Fähigkeiten und Anwendungsbereiche sich kontinuierlich erweitert haben. In jüngerer Zeit haben bestimmte künstliche Systeme sogar den Namen unserer menschlichen Denkfähigkeit erhalten: Intelligenz. Allerdings besteht Gefahr, dass unsere Ideen und Beziehungen durch einen Prozess der Entmenschlichung verarmen. Das Paradoxon wird immer offensichtlicher: Während computergestützten Systemen „Intelligenz“ zugeschrieben wird, fällt es uns schwer, die unveräußerliche Würde des Menschen anzuerkennen, dessen Leben nach dem Kriterium der Effizienz beurteilt wird und der, sobald er als nicht mehr produktiv gilt, abgelehnt und ausgesondert wird.
Dieser schmerzhafte Umstand lädt uns dazu ein, sowohl über die Verletzlichkeit unserer menschlichen Natur als auch über die unermessliche Würde jedes Menschen nachzudenken – eine Würde, die selbst unter den prekärsten Umständen bis zum Tod ungeschmälert bleibt. Ja, der Mensch ist gewiss jemand, der geboren wird, aber er ist auch jemand, der stirbt. Unsere Würde wird weder durch Krankheit noch durch Leiden zerstört, noch hängt sie von unserem Leistungsvermögen ab. Vielmehr erfordert sie liebevolle Fürsorge in jeder Phase des Lebens.
Für den christlichen Glauben klärt sich das Geheimnis des Menschen vollends in Christus auf, der »in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kundmacht und ihm seine höchste Berufung erschließt« (Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 22). In seinem Licht erscheint uns jeder Mensch als ein von Gott gewolltes und geliebtes Geschöpf. Dieses Licht hilft uns auch, den Sinn unserer gemeinsamen menschlichen Erfahrung tiefer zu begreifen.
Meine Damen und Herren, als Männer und Frauen der Wissenschaft sind Sie stets dazu aufgerufen, im Namen unserer gemeinsamen Geschichte zusammenzuarbeiten, damit aus einer Vielfalt von Perspektiven eine Konvergenz der Sichtweisen und aus dieser Konvergenz eine Harmonie des Handelns entstehen kann. Diese Harmonie kommt in der Arbeit der UNESCO zum Ausdruck, wenn sie den höchsten Bestrebungen für das Wohl und den Schutz der Menschheit eine symphonische Stimme verleiht. Wo Harmonie herrscht, finden unterschiedliche Stimmen zu einer Übereinkunft, und die Nationen, die Sie vertreten, werden so in Eintracht zusammengeführt.
In diesem Zusammenhang möchte ich auf zwei Bilder aus der Bibel, dem großen kulturellen Schatz der Menschheit, zurückgreifen: den Turm zu Babel und den öffentlichen Platz zu Pfingsten. Ich stelle sie als Symbole für die Einheit der Menschheitsfamilie dar, die auch heute noch ständig dazu aufgerufen ist, ihre Richtung und den Sinn der Geschichte, die sie durchlebt, zu finden. Tatsächlich schildern diese biblischen Erzählungen zwei Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, die uns dazu einladen, über die Gegebenheiten unserer eigenen Zeit nachzudenken.
Der Turm zu Babel steht für eine durch Herrschaft aufgezwungene Einheit (vgl. Gen 11,4). Gleichzeitig offenbart dieses Bauwerk: Je mehr die Macht zu unterdrücken sucht, desto mehr schwächt sie sich selbst und entlarvt sie ihr unmenschliches Gesicht. Wir sehen dies in dem Leid und der Ungerechtigkeit, die durch Willkürherrschaft verursacht werden, sowie in Formen der Ausbeutung, die sowohl die Gesellschaft als auch die Umwelt schädigen. Wie uns die Geschichte zeigt, haben sich viele Weltreiche an ihrer Macht berauscht, bevor sie von ihr verschlungen wurden und wie ein Turm zusammenbrachen. Das Ergebnis dieses Hochmutes, erst überhöht und dann zerstört, ist die Zerstreuung. Die Anmaßung, sich Gott gleichzumachen und Völker unter ein einziges Joch zu zwingen, führt zu einer Verwirrung der Sprachen und zur Unfähigkeit, einander zu verstehen. Anstatt den Himmel zu erreichen, wie man es vorhatte, stürzt der Turm zu Babel ein – mit einer doppelten negativen Folge. So wie die Einheit, die er auferlegt hatte, erzwungen war, so wird die Vielfalt, die auf seinen Einsturz folgt, zu einer Quelle von Konflikten. Heute erscheint die Versuchung von Babel erneut in einer Globalisierung, die ohne Geschwisterlichkeit vorangetrieben wird, in räuberischen Formen des Neokolonialismus, in ideologischen Zwängen und in all jenen »Kontakten ohne Beziehungen«, die das menschliche Leben auf den Handel reduzieren (vgl. Internationale Theologische Kommission, Quo vadis, humanitas?, 42). Auch die Wissenschaft selbst dient, wenn sie nur noch eine Technik der Macht wird, nicht mehr der Erhebung des Menschen, sondern läuft Gefahr, die Früchte menschlicher Anstrengung wertlos zu machen.
Gerade heute verfügen wir über Mittel, die Menschen und Kontinente augenblicklich miteinander verbinden können; doch gleichzeitig erleben wir neue Formen der Isolation, der materiellen und geistigen Armut sowie der Verlassenheit. Die Kommunikation ist viel schneller geworden, aber nicht unbedingt wahrhaftiger; Informationen gibt es im Überfluss, doch das ist nicht gleichbedeutend mit Weisheit. Ohne eine gemeinsame ethische Grundlage besteht die Gefahr, dass die vielen Kommunikationskanäle falsche Informationen verbreiten und bedeutungslose Worte benutzen und dadurch den Dialog eher behindern als fördern.
Die künstliche Intelligenz verschärft dieses Problem: Obwohl solche Systeme Daten vernetzen können, sind sie nicht in der Lage, Fragen nach dem Sinn des menschlichen Lebens zu beantworten, das in der gelebten Erfahrung verwurzelt ist. Doch Menschen können nicht ohne Sinn leben. Sinn ist der Sauerstoff des Geistes. Aus diesem Grund machen die Herausforderungen bezüglich der Kommunikation – die stets auch Herausforderungen bezüglich der Bildung sind – die Suche nach der Wahrheit zu einer Frage der sozialen und historischen Gerechtigkeit. Deshalb ist Bildung in diesem Bereich unerlässlich, und ich begrüße die Initiative der UNESCO im Rahmen ihres Programms „Medien- und Informationskompetenz“ (MIL), das den verantwortungsvollen Umgang mit Medien und digitalen Werkzeugen fördert.
Ohne Wahrheit unterliegt tatsächlich die Sprache der Logik der Gewalt und der Willkür der Mächtigen. Andere werden dann im Namen des Profits ausgegrenzt, und Unschuldige werden im Namen der Freiheit getötet. Anstatt das Gesetz zu achten, berufen sich die Machthaber darauf, wenn es ihren Interessen dient, und missachten es, wenn es sie einschränkt; dabei behandeln sie die Gerechtigkeit selbst als eine Ware, die man kaufen und verkaufen kann. Wenn wir verstehen, dass der Verfall des Gesetzes mit der Verdorbenheit des Herzens beginnt, können wir erkennen, wie jede Wissenschaft Gefahr läuft, ihren eigentlichen Sinn zu verlieren, wenn sie ohne Ethik betrieben wird, und somit aufhört, der Menschenwürde zu dienen und sie widerzuspiegeln.
In diesem Zusammenhang fordere ich die gesamte internationale Gemeinschaft auf, dem Schutz von Kindern und jungen Menschen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Im digitalen Zeitalter darf ihre Verletzlichkeit niemals zum Anlass für Ausbeutung werden. Mögen diese Technologien ihr Wachstum, ihre Bildung und ihre zwischenmenschlichen Beziehungen fördern. Mögen sie ihre Freiheit zum Denken und zur Unterscheidung schützen, und stets im Dienste der Würde des Menschen stehen.
Der Verfall der Kultur, mit der wir uns hier beschäftigen, findet ihre Heilung auf dem öffentlichen Platz von Pfingsten. Dort wird eine Botschaft des Friedens von allen Völkern als eine Frohbotschaft aufgenommen. Diese Botschaft verkündet die Auferstehung Jesu, das heißt den Sieg des Lebens über den Tod und das Heil, das der Welt Hoffnung schenkt. Am Pfingsttag wird der öffentliche Platz zu einem Ort, an dem der Friede gefeiert wird, der jede Verletzung der Menschenwürde heilt. Jeder hört diese Botschaft »in seiner Muttersprache« (vgl. Apg 2,8). Gemeinschaft unterdrückt in keiner Weise die Vielfalt. Vielmehr lässt sie Vielfalt in der Harmonie der Stimmen und Gesichter gedeihen. Mit der Verkündigung des Friedens wird der Reichtum der Kulturen zum Träger einer universellen Wahrheit. Die biblische Lehre zeigt uns somit den Weg, auf dem wir erreichen, wonach wir alle suchen: »jene Einheit […], die die Unterschiede nicht aufhebt, sondern die persönliche Geschichte jedes Einzelnen und die soziale und religiöse Kultur jedes Volkes zur Geltung bringt« (Homilie bei der Eucharistiefeier zum Pontifikatsbeginn, 18. Mai 2025). Nicht die Herrschaft von Babel, sondern der Friede von Pfingsten macht eine solche Gemeinschaft unter allen Völkern möglich. Jede Kultur verwirklicht daher ihre höchste Weisheit, wenn sie den Frieden und das Wohl aller anstrebt und so Zeugnis für den authentischen Sinn unseres Menschseins ablegt.
Diejenigen, die im Bildungswesen tätig sind, wissen, dass uns nur die Wahrheit befreit. Diejenigen, die lehren, und diejenigen, die forschen, wissen, dass Irrtum uns unter das Joch von Unwissenheit und Aberglaube bringt. Wann immer wir auf Hindernisse bei unserer Mission stoßen, sollten wir daran denken, dass es nur eine Erde für alle gibt und dass wir alle die gleiche menschliche Natur teilen. Man kann den Menschen nicht verstehen, wenn man das voneinander trennt, was zusammengehört: Leib und Seele, Privatleben und Beziehungen, unsere Beziehung zu anderen und zur Umwelt. All dies ist Teil der Einheit unseres Daseins. Aus diesem Grund bedeutet die Kultivierung der Erde auch die Kultivierung der Menschheit, die sie bewohnt. Bildung und Wissenschaft sind zu dieser Aufgabe berufen. Tatsächlich ist es kein Zufall, dass Kultur – wie etymologisch ersichtlich ist – immer auch Kultivierung bedeutet. Ich erneuere daher den Aufruf meiner Vorgänger, gemeinsam für den Menschen und für die Schöpfung Sorge zu tragen: Papst Benedikt XVI. sprach von der Notwendigkeit einer Ökologie des Menschen, während Papst Franziskus die Perspektive einer ganzheitlichen Ökologie weiterentwickelte (vgl. Benedikt XVI., Ansprache vor dem Deutschen Bundestag, 22. September 2011; Franziskus, Enzyklika Laudato Si’, 137-162).
Der Maßstab, an dem wir unser Engagement messen können, ist die Fürsorge, die wir den Kleinsten und den Armen entgegenbringen: den Kindern im Mutterleib und an den verschiedenen Kriegsschauplätzen, Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen, älteren Menschen, Migranten und Flüchtlingen sowie all jenen, die aus Überheblichkeit als unproduktiv ausgegrenzt werden. Sie sind der wahre Prüfstein für unsere Bekenntnisse zur Achtung der Menschenwürde, und ihr Schutz und ihre Förderung erstreckt sich auch auf die Schöpfung. Dem gegenüber steht der Wille zur Ausbeutung und Plünderung, der darauf abzielt, jedem Lebewesen so viel wie möglich zu entreißen, zu konsumieren ohne zu schützen und zu zerstören ohne etwas zu kultivieren. So ist die gegenwärtige ökologische Krise eine anthropologische Krise; außerdem ist die Kirche davon überzeugt, dass jede Kultur eine Weisheit in sich trägt, die in einem Ökosystem der Völker zur Reife gelangt. Ja, der Lebensraum des Menschen ist die Gesellschaft – nicht eine rein physische Umgebung wie die Wüste oder der Ozean für Tiere, sondern ein moralischer und beziehungsorientierter Lebensraum. Wo sozialer Frieden herrscht, gedeihen die Völker in Gerechtigkeit.
[auf Französisch:]
Hier also findet die UNESCO die Synthese ihrer hohen pädagogischen und wissenschaftlichen Aufgaben: in der geduldigen Arbeit der Schaffung von Frieden. Angesichts der zahlreichen und komplexen Notlagen unserer Zeit blickt die Welt mit gegensätzlichen Gefühlen auf die internationalen Institutionen. Einerseits sind diese dazu aufgerufen, Herausforderungen zu bewältigen, denen kein Staat allein gewachsen ist. Andererseits durchleben eben diese Institutionen eine Effizienzkrise, vor allem wenn der Dialog eher als Hemmnis für das Handeln denn als Ressource für den Frieden angesehen wird; eher als eine Form der Heuchelei denn als Gelegenheit, gemeinsam das Gute anzustreben.Angesichts dieser Fehlentwicklungen gilt es, eine heute seltene, aber erstrebenswerte Tugend zu fördern: das Vertrauen. Das Vertrauen darauf, dass Unterschiede nicht zwangsläufig eine Bedrohung darstellen; das Vertrauen darauf, dass ein aufrichtiger Dialog ein weitaus größeres Gut hervorbringen kann, als es jeder für sich allein erreichen könnte. Der Heilige Stuhl möchte dieses Vertrauen in der UNESCO wie auch den anderen internationalen Organisationen wecken, im Bewusstsein, dass jedes Volk einen Reichtum besitzt, den es auf der Suche nach jenem authentischen Fortschritt teilen kann, den nur der Friede garantieren kann.Es geht nicht darum, einem naiven Optimismus zu huldigen, der die Schwierigkeiten verkennt, sondern in der Hoffnung festzustehen, dass das Gute immer möglich ist. Jedes Kind, das geboren wird, bringt Hoffnung. Jeder Mann und jede Frau, die ihr Leben der Suche nach der Wahrheit widmen, vollbringen einen Akt der Hoffnung. Möge die UNESCO daher als Zeugin dieser Hoffnung die Verständigung zwischen den Nationen durch den Dialog zwischen ihren Kulturen fördern. Wir glauben nämlich, dass Bildung das Instrument ist, mit dem gegenseitige Ängste überwunden werden können, und dass die Wissenschaft im Dienste des Lebens jedes Menschen stehen kann, indem sie heute die Samen für eine reiche Ernte in der Zukunft sät. Dieses Vertrauen nährt unsere Hoffnung auf die Nächstenliebe, das heißt auf den Dienst zum Wohl des Nächsten: Wenn wir uns alle konsequent für unsere großartige Menschheit einsetzen, kann der Friede endlich gedeihen.
Bei der gemeinsamen Arbeit an diesem Werk spielen religiöse Traditionen eine kulturell notwendige und unersetzliche Rolle und die Religionen bringen unsere Fragen nach dem Ursprung und dem Ende des Lebens zum Ausdruck, indem sie nach der ursprünglichen und letzten Bedeutung des Lebens fragen, die sich in den täglichen Entscheidungen widerspiegelt. Wenn Männer und Frauen guten Willens ihr Handeln tatsächlich auf Gott ausrichten, verliert sich der Pluralismus der Kulturen nicht in der Verwirrung von Babel. Im Gegenteil, die Menschheit befindet sich auf einer gemeinsamen Sinnsuche und geht auf ein Schicksal zu, das nicht der Tod ist. Wir sind nicht auf dem Weg ins Nichts. Deshalb verspürt die menschliche Seele in ihrem Bezug zu Gott umso stärker den Ruf, den Frieden mittels eines Bündnisses zwischen Völkern zu fördern, die sich als Kinder desselben Vaters und als Brüder und Schwestern anerkennen.
Ich wünsche mir daher, dass unsere Begegnung unser aller Bemühen stärkt, unablässig daran zu arbeiten, dass das Bewusstsein, zu einer einzigen Menschheitsfamilie zu gehören, lebendiger, aktiver und aufrichtiger wird. In diesem Zusammenhang möchte ich dem gesamten Personal der UNESCO meinen ehrlichen Dank aussprechen, das mit Kompetenz und Hingabe diesen so edlen Auftrag erfüllt: den Frieden zu stärken, indem es alle Wissenschaften und Künste der Menschen fördert.
Diese Worte richte ich an Sie alle, an die Völker, die Sie vertreten und ganz besonders an die jungen Menschen. Denn es sind gerade die jungen Generationen, die unser Handeln mit größter Aufmerksamkeit verfolgen. Während ich ihr Streben nach Gerechtigkeit unterstütze, erbitte ich mit Dankbarkeit und Wertschätzung für Sie alle und für Ihre Nationen die Fülle des Segens Gottes, des allmächtigen und barmherzigen Schöpfers. Danke.
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