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I. Einführung

1. Am 28. Oktober 1965 eröffnete die Erklärung des Zweiten Vatikanischen KonzilsNostra aetate „über die Beziehungen der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen” ein neues Kapitel in der Geschichte der Beziehungen zwischen Katholiken, Juden und Gläubigen anderer Religionen und geistlicher Traditionen. Mehr als ein einfacher Text, bezeichnete sie einen tiefen Wandel im Verständnis und im Ausdruck der Beziehung der Kirche zu den Gläubigen anderer Religionen. In dieser Erklärung bekräftigte sie ausdrücklich: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist“, und ruft die Gläubigen auf, „jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren“[1] mit Wertschätzung und Respekt zu betrachten. Verfasst im Kontext der kreativen und von Mitbrüderlichkeit geprägten Lebendigkeit des Konzils, besitzt das Dokument auch heute noch große Aktualität in einer zum einen von einer weit verbreiteten Abschottungshaltung und andererseits von der Suche nach einem Zusammenleben in einer auf Geschwisterlichkeit und gegenseitiger Anerkennung beruhenden Weltbürgerschaft geprägten Welt.

2. In diesem Sinne steht Nostra aetate in einer Linie mit der anderen Konzilserklärung Dignitatis humanae, in deren Mittelpunkt das Recht auf Religionsfreiheit steht. Keine respektvolle Beziehung zu anderen Religionen ist aufrichtig und kann zustande kommen, ohne gleichzeitig die Religionsfreiheit anderer zu achten: „Diese Forderung nach Freiheit in der menschlichen Gesellschaft bezieht sich besonders auf die geistigen Werte des Menschen und am meisten auf das, was zur freien Übung der Religion in der Gesellschaft gehört“[2]. Diese Überzeugung veranlasst uns, dieselbe Freiheit für die Christen in den Ländern zu fordern, in denen sie in der Minderheit sind[3].

3. Sechzig Jahre nach ihrer Veröffentlichung beeinflusst Nostra aetate weiterhin die pastoralen und theologischen Weichenstellungen der Kirche und fördert jenen Dialog, der selbst die Form ist, in der sich das menschliche Leben darstellt und in den Gesellschaften unserer Zeit zunehmend unverzichtbar geworden ist. Dieser Dialog stellt birgt jedoch auch eine ständige Herausforderung, nämlich: Wie lässt sich die Treue zur christlichen Identität mit einer aufrichtigen Offenheit für die Andersartigkeit des Anderen in Einklang bringen? Wie können wir den Ruf nach universaler Geschwisterlichkeit in Gesellschaften, die von wachsender kultureller und religiöser Vielfalt sowie von Krieg und Gewalt geprägt sind und die sich durch ein zunehmendes Streben nach Säkularisierung auszeichnen, in die Praxis umsetzen? Dieses Dokument anlässlich des Jubiläums zielt darauf ab, die wichtigsten Etappen des interreligiösen Dialogs seit Nostra aetate nachzuzeichnen, dessen Errungenschaften und Herausforderungen zu bewerten sowie einige Zukunftsperspektiven aufzuzeigen.

Ursprung und Tragweite von Nostra aetate. Eine Antwort auf die Shoah

4. Die Erklärung Nostra aetate hat ihren Ursprung nach dem zweiten Weltkrieg und bezog sich anfangs nicht auf den Dialog mit den anderen Religionen, sondern positionierte sich als Antwort auf die tragischen Konsequenzen des in der Shoah gipfelnden Antisemitismus. Bereits sehr aufgeschlossen für das Thema, beauftragte der heilige Johannes XIII., in der Folge eines durch die Gründerin des Segretariato Attività Ecumeniche, Maria Vingiani, möglich gewordenen Treffens mit dem Juden Jules Isaac, Kardinal Augustin Bea einen Konzilstext mit der Zielsetzung zu verfassen, die Beziehungen zwischen der Kirche und dem jüdischen Volk zu heilen und zu erneuern. Dieses Vorhaben wurde auf den Konzilssitzungen entwickelt und hat eine konkrete Form in einem Text gefunden, der – wie das Senfkorn des Evangeliums (vgl. Mk 4,31-32) – über alle Erwartungen hinausgewachsen und zu einem großen Baum geworden ist, der über die Beziehungen mit dem Judentum hinaus den Dialog mit den verschiedenen Religionen eingeschlossen hat. Darin lässt sich die Absicht einer immer umfassenderen Gastfreundschaft erkennen, die die Kirche ihren Brüdern und Schwestern anderer religiöser Traditionen in gegenseitigem Respekt und im gemeinsamen Streben nach der Wahrheit entgegenbringen möchte.

5. Der katholisch-jüdische Dialog hat die Grundlage für seine offizielle und institutionelle Form in Nr. 4 der Erklärung. Es handelt sich dabei um die erste Stellungnahme des Lehramtes, die die jüdischen Wurzeln des Christentums klar anerkennt. Darin wird auf die Stelle in Röm 9,4-5 bezuggenommen, die bezeugt, dass die Patriarchen zu den Israeliten gehören und dass Christus dem Fleische nach von ihnen abstammt. Die Erklärung bezeugt ebenso, „daß aus dem jüdischen Volk die Apostel stammen, die Grundfesten und Säulen der Kirche, sowie die meisten jener ersten Jünger, die das Evangelium Christi der Welt verkündet haben“[4]. Diesbezüglich spezifiziert ein Dokument der Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum des Sekretariats für die Einheit der Christen (heute das Dikasterium zur Förderung der Einheit der Christen), wenn es über die Person Jesu spricht: „Jesus ist Jude und er ist es für immer […]. Jesus ist ganzheitlich ein Mann seiner Zeit und seiner jüdisch-palästinensischen Umwelt des ersten Jahrhunderts, deren Freuden und Hoffnungen er geteilt hat. Das unterstreicht, wie es uns in der Heiligen Schrift offenbart wurde (vgl. Röm 1,3-4; Gal 4,4-5), sowohl die Wirklichkeit der Menschwerdung sowie die eigentliche Bedeutung der Heilsgeschichte.“[5] Um es mit dem Evangelisten Johannes (vgl. Joh 1,14) gemäß der Auslegung des evangelischen Theologen Karl Barth zu sagen: Das Wort wurde „jüdisches Fleisch“[6] und kam, um unter uns zu wohnen. Diese Wohnung Jesu ist das Judentum seiner Zeit, eben der ursprüngliche Boden aus dem sich die Ecclesia ex circumcisione und dann die Ecclesia ex gentibus entwickelt haben (vgl. das Mosaik in der Basilika Santa Sabina in Rom).

Der Dialog mit den Religionen

6. Seit der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils im Jahr 1962 rief der als „Vorläufer des Dialogs“[7] betrachtete heilige Johannes XXIII. ausdrücklich zur Förderung nicht nur der Einheit der Christen, sondern auch einer auf gegenseitiger „Hochachtung und Ehrfurcht“[8] gegründeten Brüderlichkeit gegenüber den Gläubigen anderer Religionen auf. Diese authentisch menschliche und zutiefst evangeliumsgemäße Sichtweise setzte sich zunehmend mit theologischer und pastoraler Deutlichkeit durch: Die respektvolle Begegnung mit dem Anderen ist unabdingbare Voraussetzung dafür, das Evangelium in seiner Fülle zu leben. Wenige Monate später rief der Papst in der Enzyklika Pacem in Terris alle dazu auf, die Würde jedes Einzelnen zu achten[9].

7. Der heilige Paul VI. bestätigte diese Ausrichtung in der Enzyklika Ecclesiam Suam, indem er die Kirche „zu einem Dialog mit der Welt […], in der sie nun einmal lebt“[10], aufrief. Gemäß dieser Enzyklika ist die Kirche berufen, mit erneutem Eifer „den Dialog mit allen Menschen guten Willens innerhalb und außerhalb ihres eigenen Bereiches zu führen“[11], ohne irgendjemanden auszuschließen, sondern mit Achtung gegenüber den Besonderheiten und den Dynamiken, die den verschiedenen Kontexten des Dialogs eigen sind. Die Sichtweise eines methodisch in verschiedene Bereiche gegliederten Dialogs – der Dialog für den Frieden, der Dialog mit den an Gott Glaubenden und der Dialog mit den „getrennten christlichen Brüdern“[12] – hat sich für die Entwicklung des ökumenischen, interreligiösen und interkulturellen Dialogs in der nachkonziliaren Zeit als richtungsweisend erwiesen. Diese Herangehensweise wird als wesentlicher Bestandteil des Auftrags der Kirche betrachtet und beruht auf der Klarheit der Lehre, auf dem aufrichtigen Zuhören und auf einer tiefen Achtung gegenüber den Gesprächspartnern der Christen[13]. So bekräftigt die Kirche unmissverständlich: Der Weg des Dialogs ist weder eine aus der Not entstandene Strategie noch ein Verzicht auf die eigene Identität, sondern ein authentischer Weg im Sinne des Evangeliums.

8. Der heilige Paul VI. unterstrich die Besonderheit des Beitrages von Nostra aetate anlässlich des Abschlusses des Zweiten Vatikanischen Konzils: „Mögen auch unsere lieben Brüder, die noch von der vollen Gemeinschaft mit uns getrennt sind, diesen Ausdruck des verschönerten Antlitzes der Kirche betrachten; mögen ihn ebenso die Anhänger anderer Religionen betrachten, und unter allen jene, mit denen uns die Verwandtschaft mit Abraham verbindet, insbesondere die Juden, damit sie nie wieder Gegenstand von Missbilligung oder Misstrauen, sondern von Achtung, Liebe und Hoffnung sind. So schreitet die Kirche voran im Feststehen in der Wahrheit und im Glauben, in der Ausbreitung der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe. So lebt die Kirche“[14].

9. Nostra aetatestellt ein wesentliches Grundprinzip heraus. Achtung und Wertschätzung sind die unverzichtbaren Grundlagen des interreligiösen Dialogs und der Beziehungen zum Judentum; sie ermöglichen es, Haltungen der Ausgrenzung, Verachtung oder Gleichgültigkeit zu überwinden, die lange Zeit vorherrschend waren: „Wir können aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern. […] Deshalb verwirft die Kirche jede Diskriminierung eines Menschen oder jeden Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen, weil dies dem Geist Christi widerspricht“[15]. In diesem Sinne ordnet sich die Erklärung in die Anthropologie der Beziehung von Gaudium et spes ein, in der der andere nicht als Bedrohung wahrgenommen, sondern als Gesprächspartner anerkannt wird, mit dem im Geiste der Gegenseitigkeit eine gerechtere und geschwisterlichere Gesellschaft aufgebaut werden kann.

Die Besonderheit des Dialoges mit den Juden

10. Sowohl das heutige Judentum als auch das zeitgenössische Christentum beruhen auf dem im Ersten Testament offenbarten Wort und haben ihre Wurzeln im Judentum der Zeit Jesu. Letzteres wandelte sich seit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahr 70 n. Chr. im Laufe der Zeit insbesondere zum rabbinischen Judentum, während sich das Urchristentum aus der von Jesus und seinen Jüngern ins Leben gerufenen Bewegung heraus entwickelte und sich im Laufe der Zeit von den verschiedenen Formen des Judentums abgrenzte. Mit dem Juden Jesus übernahmen die ersten Christen tatsächlich Grundsätze des damaligen Judentums und passten sie der neuen nachösterlichen Situation an. So hält die Erklärung Nostra aetate fest: „Da also das Christen und Juden gemeinsame geistliche Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gespräches ist“[16]. Dieses reiche gemeinsame Erbe bildet ein solides Fundament, einen wahren Schatz für den jüdisch-christlichen Dialog.

11. Was aber Jesus an jüdischem Erbe in das Christentum eingebracht hat, ist Teil der theologischen Struktur des Christentums selbst. Im Abschnitt mit dem Titel „Grundlegende Themen der Heiligen Schrift des jüdischen Volkes und ihre Rezeption im Glauben an Christus“ (Nr. 19-65) geht das Dokument der Päpstlichen Bibelkommission vom 24. Mai 2001, „Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel“, auf die biblischen Hauptaspekte und deren Auslegung ein. Es handelt sich um einen Text von hohem Wert.

12. Tatsächlich ist es gemeinsame Überzeugung von Juden und Christen, dass sich der Gott Israels in seinem Wort offenbart hat und sich so an die Menschen wendet. Dass Gott als Schöpfer von Himmel und Erde den Lebensraum für den Menschen geschaffen hat, dass er diesen Raum umgibt und bewahrt, dass der Mensch als „Ebenbild Gottes“ (vgl. Gen 1,26-27), dessen Sachwalter ist und die gebührende Verantwortung gegenüber der Schöpfung übernehmen muss und dass er für das Wohl seiner Mitmenschen, insbesondere der Armen, verantwortlich ist, dies sind Wahrheiten, die dem Judentum und dem Christentum gemeinsam sind[17]. Jede ethische Lehre über die richtige Beziehung des Menschen zu Gott, zur den Menschen umgebenden Welt und zum Nächsten hat ihren Ursprung in Gott selbst und in der Würde jedes Menschen, die sich daraus ergibt, dass er „Ebenbild Gottes“ ist; wie das rabbinische Judentum hat auch das Christentum die „Zehn Gebote“ übernommen. Diese sind zudem zu einem von vielen Menschen anerkannten moralischen Erbe geworden. Jesu Doppelgebot der Liebe, nämlich Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzem Verstand und mit aller Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst (vgl. Mk 12,30-31, Mt 22,37-39; Lk 10,27), entstammt dem Ersten Testament, auch wenn dort die beiden Gebote nicht ausdrücklich miteinander verbunden wurden (vgl. Dtn 6,5 und Lev 19,18). Deshalb betrachtete Papst Benedikt VI. die Juden als unsere „Väter im Glauben“[18] und betonte, dass der Dialog zwischen den beiden Glaubensrichtungen von der Dankbarkeit der Christen gegenüber den Juden ausgehen müsse, da diese trotz der Schwierigkeiten, die sie durchgemacht hätten, den Glauben an den einen Gott bewahrt hätten. Daher konnte der damalige Kardinal Ratzinger bekräftigen: „Ein solcher Dialog muss, um fruchtbar zu sein, mit einem Gebet an unseren Gott beginnen, dass er vor allem uns Christen eine größere Hochschätzung und Liebe zu diesem Volk, den Israeliten, gebe“[19].

13. Angesichts dieses reichen geistlichen, Juden und Christen gemeinsamen Erbes, lässt sich leicht verstehen, dass der jüdisch-christliche Dialog für Christen nicht als Nebensache betrachtet werden kann, deren Ziel lediglich darin besteht, das Judentum besser kennenzulernen oder diplomatische Beziehungen oder auch nur Freundschaft mit dem jüdischen Volk zu pflegen. Es geht vielmehr darum, sich der eigenen ursprünglichen Identität voll und ganz bewusst zu werden. Gottes Bund mit dem jüdischen Volk ist unwiderruflich[20], und dies fordert die Kirche beständig heraus. Dies bedeutet nicht für die Christen, dass es zwei verschiedene Heilswege gäbe[21] und dass der Bund mit dem Volk Israel parallel zum christlichen Heilsweg stünde; die Kirche lehrt, dass Christus der einzige Erlöser ist [22]. Dennoch hat dieser unwiderrufliche Bund eine theologische Bedeutung. Je mehr ein Christ die jüdischen Wurzeln seiner eigenen Tradition kennt und liebt, desto besser versteht er sich selbst in seiner Glaubenspraxis, und desto stärker wird seine religiöse Identität, wobei es, damit dies geschehen kann, auch unerlässlich ist, dass der Christ seine eigene Glaubenstradition gut kennt und fest darin verwurzelt ist. Wenn wir in Bezug auf das Judentum bekräftigen, dass wir nicht ohne einander auskommen können, bedeutet dies auch, dass die Glaubenspraxis der heutigen Juden – und nicht nur jene, die mit dem Ersten Testament verbunden ist – für die Christen von Bedeutung ist. Papst Franziskus drückt sich so aus: „Gott wirkt weiterhin im Volk des Alten Bundes“[23]. Die jüdische Glaubenspraxis kann nämlich als eine Auswirkung des offenbarten Wortes betrachtet werden, das stets lebendig und wirksam ist und das sie angenommen haben; aus diesem Grund handelt es sich um einen tatsächlichen und dynamischen Wert, der uns stets bereichern kann (vgl. Röm 11,29). Von grundlegender Bedeutung ist daher die biblische, exegetische, liturgische und theologische Vertiefung der Beziehung zum Judentum gemäß den Grundsätzen, die in den beiden Konstitutionen des Konzils Dei Verbum und Lumen gentium dargelegt sind.

14. Diese Solidarität mit dem jüdischen Volk schließt auch den gemeinsamen Kampf gegen den Antisemitismus ein. Bereits Nostra aetate erklärt unmissverständlich, dass die Kirche „alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben“[24], beklagt. So wird bestätigt und gleichzeitig ein weiterer Schritt zu dem hinzugefügt, was bereits die damalige Suprema Sacra Congregatio Sancti Officii am 25. März 1928 erklärt hatte[25]. Der Antisemitismus hat sich im Laufe der Geschichte, auch in unserer Zeit, auf grausame Weise gezeigt; doch seinen dunkelsten Höhepunkt fand er zweifellos in der Shoah. In diesem Zusammenhang sind die Worte nach wie vor sehr präzise und eindringlich, die Benedikt XVI. während der Generalaudienz am 28. Januar 2009, dem Tag nach dem jährlichen Gedenken, fand: „In diesen Tagen, in denen wir der Shoah gedenken, kommen mir Bilder meiner wiederholten Besuche in Auschwitz wieder in Erinnerung, einem jener Lager, in denen der grausame Mord an Millionen von Juden, den unschuldigen Opfern eines blinden Rassen- und Religionshasses, verübt wurde. Während ich erneut aus ganzem Herzen meine volle und unbestreitbare Solidarität mit unseren Brüdern, den Trägern des ersten Bundes, zum Ausdruck bringe, wünsche ich, daß die Shoah die Menschheit dazu bewege, über die unvorhersehbare Macht des Bösen nachzudenken, die das Herz des Menschen ergreifen kann. Die Shoah sei für alle eine Mahnung gegen das Vergessen, gegen die Leugnung oder die Verharmlosung. Denn Gewalt, die gegen einen einzigen Menschen ausgeübt wird, wird gegen alle verübt. Kein Mensch ist eine Insel, schrieb ein bekannter Poet. Die Shoah möge sowohl die alten als auch die jungen Generationen lehren, daß nur der mühsame Weg des Aufeinander-Hörens, des Dialogs, der Liebe und der Vergebung die Völker, Kulturen und Religionen der Welt zum gewünschten Ziel der Brüderlichkeit und des Friedens in Wahrheit führt. Die Würde des Menschen darf nie wieder von der Gewalt erniedrigt werden!“[26].

15. Die Konflikte, die in den letzten Jahren im Nahen Osten ausgebrochen sind, haben auch den jüdisch-christlichen Dialog geprägt. Viele Kommunikationsbrücken sind ins Wanken geraten und werden aufgrund der unterschiedlichen Deutung der Geschehnisse, die oft selbst innerhalb der jeweiligen Religionsgemeinschaften nicht eindeutig ist, weiterhin auf die Probe gestellt. Dennoch sind die Säulen des Dialogs unter Gläubigen, die in sechzig Jahren gemeinsamer Arbeit errichtet wurden, stabil geblieben. Auf diesen Säulen ist es möglich und notwendig, weiter aufzubauen und dabei weiterhin Inspiration aus den Empfehlungen der Konzilsväter zu schöpfen, um in gegenseitigem Kennenlernen und gegenseitiger Wertschätzung zu wachsen, vor allem durch „die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gespräches“[27].

II. Entwicklungen nach dem Konzil; eine durch die nachfolgenden Päpste bereicherte Kontinuität

Hl. Paul VI.

16. Die aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil hervorgegangene neue Haltung der Kirche gegenüber anderen Glaubensrichtungen und religiösen Traditionen wird von Papst Paul VI. in den Rahmen des in seiner Enzyklika Ecclesiam Suam umrissenen und im späteren Lehramt weiterentwickelten „Dialogs mit der Welt“ gestellt. So betont der Papst in der Enzyklika Populorum progressio: „Entwicklung ist nicht einfach gleichbedeutend mit wirtschaftlichem Wachstum. Wahre Entwicklung muß umfassend sein, sie muß jeden Menschen und den ganzen Menschen im Auge haben…“[28]. Daraus ergibt sich ein nachdrücklicher Aufruf zur Brüderlichkeit, gestützt auf einen ständigen Dialog mit den Kulturen, Religionen und Gewissen, im Hinblick auf eine solidarische Entwicklung, die offen für das Transzendente und auf die universale Brüderlichkeit ausgerichtet ist.[29] In dieser Perspektive hat der heilige Paul VI. dem interreligiösen Dialog einen entscheidenden Impuls gegeben, indem er ihn in die Strukturen der Römischen Kurie selbst einbettete.

17. Aus diesem Grund hatte der Papst bereits 1964 das Sekretariat für Nichtchristen eingerichtet, aus dem das jetzige Dikasterium für den interreligiösen Dialog[30] hervorgegangen ist. Dieser mitten in der Zeit des Konzils, noch vor der Promulgation von Nostra aetate und der Enzyklika Ecclesiam Suam, ins Leben gerufene Organismus hatte die Aufgabe, die Beziehungen der Kirche zu den Andersgläubigen zu steuern, zu unterstützen und zu koordinieren. Auch heute noch „fördert das Dikasterium eine echte Suche nach Gott unter allen Menschen“[31].

18. Der heilige Paul VI. betonte nachdrücklich, dass nichtchristliche Religionen nicht mehr als Gegner, sondern als Weggefährten und als „Teil einer zukünftigen und bereits begonnenen Freundschaft“[32] wahrgenommen werden müssten. In diesem Sinne wurden ein Jahrzehnt später zwei Sonderkommissionen eingerichtet, eine für die religiösen Beziehungen zum Judentum, die andere für die Beziehungen zum Islam,[33] mit dem Ziel, die Begegnung mit Juden und Muslimen zu vertiefen und die Zusammenarbeit zu stärken, auch im Verhältnis zu den anderen christlichen Konfessionen[34]. Auf Wunsch des heiligen Paul VI. hat sich der Dialog in den Institutionen der Kirche, aber auch in ihrem missionarischen Herzen verwurzelt. Er ist zu einem bedeutenden Bestandteil des christlichen Lebens geworden, nämlich zu einer authentischen Form evangeliumsgemäßen Zeugnisses, in Stimmigkeit mit einer von der Vielfalt der Glaubensrichtungen und Kulturen geprägten Welt.

Hl. Johannes Paul II.

19. Der heilige Johannes Paul II. verlieh der Intuition des Zweiten Vatikanums bezüglich des interreligiösen Dialogs große Sichtbarkeit. Sein Wirken zur Umsetzung der Grundsätze von Nostra aetate war entscheidend, insbesondere durch das Zustandekommen des historischen Treffens in Assisi am 27. Oktober 1986. Zum ersten Mal kamen führende Vertreter der Religionen aus aller Welt zusammen, um – jeder als Ausdruck seines eigenen Glaubens – für den Frieden zu beten. Dieser zutiefst symbolträchtige Moment war ein klarer und eindringlicher Aufruf, die Religionen nicht länger als Quellen der Spaltung zu betrachten, sondern als wesentliche Akteure eines dauerhaften Friedens, der auf gegenseitiger Wertschätzung und brüderlicher Zusammenarbeit beruht[35]. Zum Abschluss dieses Weltgebetstages erklärte der Papst vor den Vertretern der unterschiedlichen Religionen: „Mehr vielleicht als je zuvor in der Geschichte ist die innere Verbindung zwischen einer aufrichtigen religiösen Haltung und dem großen Gut des Friedens allen deutlich geworden […] Die Menschheit ist in eine Ära erhöhter Solidarität und größeren Hungers nach sozialer Gerechtigkeit eingetreten“[36].

20. Was den Dialog mit den Juden betrifft, konnte der heilige Johannes Paul II. am 13. April 1986 anlässlich seines Besuchs in der Synagoge von Rom vor seinen jüdischen Gesprächspartnern erklären: „Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas ‚Äußerliches‘, sondern gehört in gewisser Weise zum ‚Inneren‘ unserer Religion. Zu ihr haben wir somit Beziehungen wie zu keiner anderen Religion. Ihr seid unsere bevorzugten Brüder und, so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder“[37]. Da Jesus Jude war, besteht zwischen der Kirche und dem Judentum eine einzigartige Bindung, eine Beziehung, die es gegenüber anderen Religionen nicht gibt.

21. Darüber hinaus teilte der heilige Johannes Paul II., der das förderte, was später als ‚die Logik von Assisi‘[38] bezeichnet wurde, mit dem heiligen Paul VI. die Erkenntnis der Notwendigkeit einer Klärung einiger Aspekte der Beziehung zwischen Dialog und Evangelisierung. Sein Pontifikat war von der Veröffentlichung mehrerer grundlegender Dokumente geprägt, wie Dialog und Mission (1984) des Sekretariats für die Nichtchristen[39] und der Enzyklika Redemptoris missio (1990), die den bleibenden Wert des Missionsauftrags neu bekräftigte, gefolgt von Dialog und Verkündigung (1991), verfasst vom Päpstlichen Rat für den interreligiösen Dialog in Zusammenarbeit mit der Kongregation für die Evangelisierung der Völker[40].

22. Auf derselben Linie des Zweiten Vatikanischen Konzils bringen diese Texte zwei untrennbare Anforderungen zum Ausdruck, deren Aktualität nach wie vor ungebrochen ist. Denjenigen, die versucht wären, ausschließlich auf die Verpflichtung zur Verkündigung Christi zu bestehen, wird in Erinnerung gerufen, dass die Erklärung Nostra aetate die Notwendigkeit des Dialogs mit anderen religiösen Traditionen einbezieht, da dieser mittlerweile „Teil der Sendung der Kirche zur Verkündigung des Evangeliums“[41] ist. Diejenigen hingegen, die im Gegenteil dazu neigen, ihre Identität zu relativieren, erinnert dieselbe Erklärung an die Notwendigkeit der Treue zu Jesus Christus, der „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6) ist.[42] Der Dialog setzt daher ein klares Bewusstsein der eigenen religiösen und kulturellen Identität voraus, verbunden mit einer echten Offenheit gegenüber dem Anderssein, die eine unverzichtbare Voraussetzung für das Zusammenleben in pluralistischen Gesellschaften ist. Er muss frei von Zweideutigkeiten sein, Relativismus und Synkretismus vermeiden, unter Wahrung der größtmöglichen Identität und im Streben nach einem möglichst intensiven Dialog.

23. Eines der Hauptanliegen des Pontifikats des heiligen Johannes Paul II. war zweifellos die Förderung eines echten „Dialogs zwischen den Kulturen“[43] im Dienste des Weltfriedens, insbesondere angesichts der immer zahlreicheren Gewalttaten, die im Namen Gottes begangen wurden. Zu Beginn des Jahres 2000 bekräftigte der Papst nachdrücklich, dass es den Gläubigen obliegt, zu zeigen, dass die Religionen kein Hindernis für den Frieden sind, sondern ein wesentlicher Bestandteil davon. Jede Instrumentalisierung der Religion für gewalttätige Zwecke ist eine schwerwiegende Verzerrung ihres Wesens. Die Religion darf niemals als Vorwand für Konflikte dienen: „Religion und Frieden gehen Hand in Hand; Krieg im Namen der Religion zu führen ist ein eklatanter Widerspruch“[44]. Daraus ergibt sich ein klarer Appell an die führenden Vertreter der Religionen: Es ist ihre Aufgabe, durch Taten und Engagement zu bezeugen, dass es ihr eigener Glaube ist, der sie dazu bewegt, sich für den Frieden einzusetzen.

Benedikt XVI.

24. Ebenfalls im Geiste von Nostra aetate und anlässlich des zwanzigsten Jahrestags des Ereignisses von Assisi im Jahr 2006 bekräftigte Papst Benedikt XVI.: „wir [können] ‚Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern‘[45]“, denn der Glaube an Gott kann nur zu Beziehungen universaler Brüderlichkeit unter allen Menschen ermutigen.[46] Im interreligiösen Dialog zu bleiben, soll ein Beweis dafür sein, dass Fundamentalismus eine Verfälschung der Religionen darstellt, die ihrer tiefsten Berufung entgegensteht. In einer berühmten Rede stellte er, die Worte eines byzantinischen Kaisers aufgreifend, fest, dass „Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele“[47].

25. Indem er das Streben nach Frieden eng mit den Erfordernissen der Vernunft und der Wahrheit verband, bekräftigte Benedikt XVI. immer wieder, dass keine Religion und keine Kultur Fanatismus oder den Rückgriff auf Gewalt in legitimer Weise rechtfertigen kann. Deshalb müssen die Gläubigen einander weiterhin begegnen und haben die gemeinsame Pflicht, der Wahrheit und damit der Menschheit zu dienen. Insbesondere: „Der interreligiöse und interkulturelle Dialog zwischen Christen und Muslimen darf nicht auf eine saisonbedingte Entscheidung reduziert werden. Tatsächlich ist er eine vitale Notwendigkeit, von der zum großen Teil unsere Zukunft abhängt“[48].

26. Andererseits muss der Dialog auch mit den Kulturen, den Wissenschaften und den politischen Institutionen im Hinblick auf ein tieferes Verständnis des Menschen in seiner ganzen Komplexität stattfinden. Dieser „erweiterte“ Dialog hat die ganzheitliche Entwicklung des Menschen und die Harmonie der Gesellschaft zum Ziel. Denn in Wirklichkeit liegt die wahre Gefahr nicht so sehr im Konflikt zwischen religiösen Blöcken, sondern vielmehr im Konflikt zwischen Kulturen, die unfähig sind, einander zu verstehen und miteinander in Dialog zu treten.

Franziskus

27. Papst Franziskus hat die Umsetzung von Nostra aetate im Sinne der Lehre seiner Vorgänger fortgeführt und erklärt: „Drei grundlegende Ausrichtungen können, wenn sie gut miteinander verbunden werden, für den Dialog hilfreich sein: die Verpflichtung zur Wahrung der Identität, der Mut zur Andersheit und die Aufrichtigkeit der Absichten[49]. Der Dialog mit anderen religiösen Traditionen muss von einer Haltung der Offenheit in Wahrheit und Nächstenliebe geprägt sein[50], „trotz der verschiedenen Hindernisse und Schwierigkeiten“. Und er bekräftigte, dass dieser Dialog „eine notwendige Voraussetzung für den Weltfrieden ist und daher für Christen ebenso wie für andere Religionsgemeinschaften eine Pflicht darstellt“[51].

28. Was die spezifischen Merkmale des Dialogs mit den Juden betrifft, hat Papst Franziskus seit Beginn seines Pontifikats auf die theologische Grundlage des jüdisch-christlichen Dialogs Bezug genommen, wenn er auf Basis von Nostra aetate bekräftigte: „Diese Grundlage ist theologischer Natur und nicht einfach ein Ausdruck unseres Wunsches nach gegenseitiger Achtung und Wertschätzung. Es ist daher wichtig, dass unser Dialog stets zutiefst vom Bewusstsein unserer Beziehung zu Gott gekennzeichnet ist“[52].

29. Von großer Bedeutung sind die drei den Beziehungen zum Judentum gewidmeten Absätze des Apostolischen Schreibens Evangelii gaudium[53], das das grundlegende Dokument für die Deutung seines Pontifikats bildet. Einige der Themen, die der Papst herausgearbeitet hat, um das Verständnis der Beziehung zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum zu definieren, sind die gemeinsame Annahme des offenbarten Wortes mit dem jüdischen Volk, um uns gegenseitig zu helfen, „die Reichtümer des Wortes Gottes zu ergründen“[54], der Dialog und die Freundschaft als Teil des Lebens der Jünger Jesu, das Bedauern über die schrecklichen Verfolgungen, denen das jüdische Volk ausgesetzt war, insbesondere jene, an denen auch Christen beteiligt waren, sowie die vielen gemeinsamen ethischen Überzeugungen und das gemeinsame Anliegen für Gerechtigkeit und die Entwicklung der Völker.

30. Mit Papst Franziskus ist der interreligiöse Dialog in eine neue Phase eingetreten, tief geprägt von der Sichtweise der ‚allumfassenden Brüderlichkeit’[55]  im eigentlichen Sinn der Brüderlichkeit beim heiligen Franz von Assisi. So sagt die Enzyklika Fratelli tutti: „Tatsächlich bietet der Glaube wichtige Beweggründe für die Anerkennung des anderen; denn wer glaubt, kann erkennen, dass Gott jeden Menschen mit einer unendlichen Liebe liebt“[56]. In Übereinstimmung mit dem Prinzip, „die Einheit [ist] … dem Konflikt überlegen“[57], bezeichnet der Papst „die Kultur des Dialogs als Weg, die allgemeine Zusammenarbeit als Verhaltensregel und das gegenseitige Verständnis als Methode und Maßstab“[58]. Angesichts der Versuchung, die Welt in hermetisch abgeschottete kulturelle und religiöse Welten zu zersplittern, hat Papst Franziskus dazu aufgerufen, die „Mauern der Trennung“[59] einzureißen und sich entschlossen für die Begegnung zu entscheiden: „Isolierung: nein; Nähe: ja. Kultur der Konfrontation: nein; Kultur der Begegnung: ja”[60].

31. Menschen und Völker können nur dann wirklich gute Frucht hervorbringen, wenn sie bereit sind, sich den Anderen mit Kreativität und Großzügigkeit zu öffnen. In diesem Zusammenhang hat Papst Franziskus auch daran erinnert, dass es unmöglich ist, sich selbst vollständig zu verstehen oder die Wirklichkeit des eigenen Landes, der eigenen Kirche oder der eigenen Gemeinschaft tiefgreifend zu erfassen, ohne sich respektvoll mit denen auseinanderzusetzen, die anders sind. Das Anderssein wird so zu einer Quelle gegenseitiger Bereicherung, unter der Voraussetzung, dass andere Glaubensrichtungen oder geistliche Traditionen und Kulturen nicht als Bedrohung wahrgenommen werden.

32. Dennoch gilt es daran zu erinnern: „‚Dialog‘ ist keine magische Formel“[61]. Er geschieht nicht von selbst, und diejenigen, die sich dafür einsetzen, dürfen weder naiv noch blinde Idealisten sein; sie sind dazu berufen, die „Helden der Zukunft“[62] zu sein. Indem sie sowohl den Rückzug in die eigene Identität als auch die Logik der Aggression ablehnen, beschreiten sie einen anspruchsvollen, aber fruchtbaren Mittelweg: den des geduldigen Aufbaus der menschlichen Geschwisterlichkeit[63]. Ein grundlegendes Prinzip muss ihr Handeln stets leiten, nämlich, das Bewusstsein, dass der Glaube an Gott und dessen Anbetung nicht zwangsläufig ein Leben garantiert, das seinem Willen entspricht[64]. Daraus erwächst die Bedeutung eines allgemeinen Unterscheidungskriteriums, das in den heiligen Texten der verschiedenen Religionen gefunden werden kann: die Aufnahme oder das Abweisen des Verletzten an den Straßenrändern. Die konkrete Aufmerksamkeit für die Schwächsten ist der wesentliche Maßstab, um die Richtigkeit jedes Vorhabens zu beurteilen, sei es politischer, wirtschaftlicher, sozialer, akademischer, religiöser oder kultureller Natur. Der Arme – in allen Formen seiner Zerbrechlichkeit – ist der Kompass, der uns erkennen lässt, ob wir uns in die richtige Richtung bewegen[65].

Leo XIV.

33. In seiner ersten Ansprache an das Diplomatische Korps erinnerte Papst Leo XIV. an die drei Schlüsselbegriffe, die jede Form des Dialogs begleiten müssen: Frieden, Gerechtigkeit, Wahrheit.[66] Auf den Spuren seiner Vorgänger hat Papst Leo XIV. anschließend des 60. Jahrestags der Erklärung Nostra aetate gedacht und bekräftigt, mit diesem Dokument „wurde ein Samenkorn der Hoffnung für den interreligiösen Dialog gesät“[67]. Der Papst erinnerte auch daran, dass es Märtyrer des Dialogs gegeben habe, die ihr Leben hingaben, um der Gewalt und dem Hass entgegenzutreten.[68] Darüber hinaus betonte er, dass „wir unsere Völker dazu anleiten [können], Propheten unserer Zeit zu werden – zu Stimmen, die Gewalt und Ungerechtigkeit anprangern, Spaltungen heilen und Frieden für alle unsere Brüder und Schwestern verkünden“[69]. Schließlich hat der Heilige Vater in der Nostra aetategewidmeten Generalaudienz vom 29. Oktober 2025 bekräftigt: „Dieses erhellende Dokument lehrt uns, den Vertretern anderer Religionen nicht als Fremde, sondern als Weggefährten auf dem Weg der Wahrheit zu begegnen; die Unterschiede wertzuschätzen und gleichzeitig unsere gemeinsame Menschlichkeit zu betonen; und in jeder aufrichtigen religiösen Suche einen Widerschein des einen göttlichen Geheimnisses zu erkennen, das die ganze Schöpfung umfängt“[70].

34. In seiner ersten Ansprache an Vertreter anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften sowie anderer Religionen am 19. Mai 2025 fasst Papst Leo XIV. den Kern des jüdisch-christlichen Gespräches zusammen und unterstreicht auch die Bedeutung des theologischen Dialogs: „Aufgrund der jüdischen Wurzeln des Christentums haben alle Christen eine besondere Beziehung zum Judentum. Die Konzilserklärung Nostra aetate(Nr. 4) unterstreicht die Größe des gemeinsamen geistigen Erbes von Christen und Juden und ermutigt zu gegenseitiger Kenntnis und Wertschätzung. Der theologische Dialog zwischen Christen und Juden bleibt stets wichtig und liegt mir am Herzen. Auch in diesen schwierigen Zeiten, die von Konflikten und Missverständnissen geprägt sind, ist es nötig, diesen wertvollen Dialog kraftvoll fortzuführen“[71]. Christen und Juden, die nicht ohne einander auskommen können, sollten diesen Weg gemeinsam bis zum Ende der irdischen Zeit beschreiten. Und gemeinsam sollten sie auf den Tag warten, „der nur Gott bekannt ist, an dem alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm ‚Schulter an Schulter dienen‘ (Zeph 3,9)“.[72]

35. Das Anliegen, den Dialog mit den verschiedenen Religionen zu fördern und zu pflegen, wird unter anderen Themen in der gemeinsamen Erklärung mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus I. vom 29. November 2025 deutlich aufgegriffen: „Insbesondere lehnen wir jede Instrumentalisierung der Religion und des Namens Gottes zur Rechtfertigung von Gewalt ab. Wir glauben, ein authentischer interreligiöser Dialog, fern einer Ursache für Synkretismus und Verwirrung, ist vielmehr für das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Traditionen und Kulturen unverzichtbar. Im Hinblick auf den 60. Jahrestag der Erklärung Nostra aetate rufen wir alle Menschen guten Willens dazu auf, gemeinsam am Aufbau einer gerechteren und solidarischeren Welt zusammenzuarbeiten und für die Schöpfung zu sorgen, die uns von Gott anvertraut wurde. Nur so kann die Menschheitsfamilie Gleichgültigkeit, Herrschaftsstreben, Profitgier und Fremdenfeindlichkeit überwinden“[73]. In dieser Perspektive ist der sich in der Linie von Nostra aetate auftuende Dialog keine rein theoretische Übung, sondern ein gemeinsames ethisches und geistliches Engagement, das auf Frieden, Gerechtigkeit und den Schutz unseres gemeinsamen Hauses ausgerichtet ist.

36. Gerade im aktuellen internationalen Kontext, der leider stark von vielen Kriegen gezeichnet ist, die täglich zahlreiche Opfer fordern und Situationen enormen und ungerechten Leidens verursachen, wollte Papst Leo XIV. die entscheidende Rolle des interreligiösen Dialogs bei der Ablehnung der Logik der Gewalt bekräftigen: „Diejenigen, die den Namen Gottes benutzen, um Terrorismus, Gewalt oder Krieg zu legitimieren, verraten sein Antlitz: Im Namen der Religion zu kämpfen bedeutet in Wirklichkeit, die Religion selbst anzugreifen. Der von Johannes Paul II. ausgelöste und durch das Engagement von Papst Franziskus – beispielsweise im Dialog mit dem Großimam der Al-Azhar-Universität – vertiefte ‚Geist von Assisi‘ zeigt, dass die Gläubigen erneut aus den authentischsten Quellen ihrer geistlichen Traditionen schöpfen können, in denen es keinen Platz für sakralisierten Hass gibt“[74].

III. Auswirkungen und Herausforderungen der Erklärung Nostra aetate heute

Sichtbare und stille Auswirkungen  

37. Sechzig Jahre nach ihrer Promulgation sind die positiven Auswirkungen deutlich, die Nostra aetate auf die Beziehungen zum Judentum und auf den Dialog mit dem Islam und anderen Religionen hatte. Um einige Beispiele zu nennen, was letztere betrifft, so hat die katholische Kirche in diesem Zeitraum mit den Anhängern des Hinduismus, des Buddhismus, des Jainismus, des Sikhismus, des Shintoismus, des Taoismus, des Konfuzianismus und des Zoroastrismus sowie mit den traditionellen Religionen, insbesondere den afrikanischen, in verschiedenen Bereichen und auf verschiedenen Ebenen Dialog geführt und zusammengearbeitet.

38. Eine der bedeutendsten Auswirkungen von Nostra aetate war zweifellos ein Wandel der Sichtweise mit weitreichenden Folgen. Es sind dauerhafte freundschaftliche Beziehungen zwischen religiösen Verantwortungsträgern entstanden, gemeinsame Bildungs- und Sozialprojekte ins Leben gerufen worden, und gemeinsame Erklärungen angesichts humanitärer Katastrophen, Kriege oder Umweltkrisen veröffentlicht[75]. Wo einst Ablehnung, Misstrauen oder Unwissenheit herrschten, haben diese konkreten Gesten dazu beigetragen, eine Kultur des Dialogs und eine „Kultur der Begegnung“[76] zu schaffen. Die vom Dikasterium für den interreligiösen Dialog herausgegebene Zeitschrift Pro Dialogo berichtet regelmäßig über diese zahlreichen Initiativen und sammelt und verbreitet die vielfältigen Früchte dieser Begegnungen auf der ganzen Welt. Darüber hinaus sendet das Dikasterium für den interreligiösen Dialog anlässlich ihrer wichtigsten Feste Grußbotschaften an die Freunde in den anderen religiösen Traditionen, um die Bande der gegenseitigen Wertschätzung und Zusammenarbeit zu beleben und zu stärken. Dasselbe tut die Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum.

39. Als Folge der theologischen Reflexion und der pastoralen Entwicklung des interreligiösen, der ursprünglichen Intuition des heiligen Paul VI. folgenden Dialogs[77] findet dieser mittlerweile in verschiedenen Bereichen statt, die im Dokument Dialog und Verkündigung aufgegriffen werden: der Dialog im Leben, der den multireligiösen Alltag sowohl in den Dörfern als auch in den großen und kleinen Städten umfasst; der Dialog im Handeln durch gemeinsame Initiativen, die die Anhänger verschiedener Religionen im gegenseitigen Einvernehmen ergreifen können; der theologische, von Experten geführte Dialog, der im Austausch religiöser Erkenntnisse auf überwiegend lehrmäßiger Ebene besteht; und schließlich der Dialog der religiösen Erfahrung, der vor allem von Mönchen und Nonnen getragen wird, die dem Interreligiösen monastischen Dialog[78] angehören.

40. Zu den Ergebnissen des mit Nostra aetate eingeleiteten Dialogs zählt unter anderem das vom Dikasterium für den interreligiösen Dialog geförderte Women’s Network for Interreligious Dialogue, um die Beteiligung von Frauen auszuweiten, sowie die jahrzehntelange Zusammenarbeit zwischen diesem Dikasterium und der Kommission für interreligiösen Dialog des Ökumenischen Rates der Kirchen, die zu wichtigen Dokumenten wie Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt. Empfehlungen für einen Verhaltenskodex (2011) geführt hat.

41. Diese Auswirkungen werden oft auch in Stille und Zurückhaltung, verwurzelt im Alltag, gelebt. Priester, Ordensleute und Laien leben heute in multireligiösen Stadtvierteln, wo schon die einfache Tatsache, in Frieden zu leben und als Nachbarn füreinander da zu sein, ein Zeugnis ist. Interreligiöse Paare, Jugendgruppen und örtliche Gemeinschaften entwickeln immer wieder neue Formen des Zusammenlebens. All diese Ergebnisse verkörpern, wenn auch manchmal noch im Anfangsstadium, unsichtbar, aber fruchtbar, die Leitidee von Nostra aetate, nämlich in der Welt als Zeugen der Liebe Gottes zu leben, im Dialog mit allen.

42. In Kontinuität mit der Einsicht von Nostra aetate und der Lehre des jüngeren Lehramtes ist, mit neuer Urteilskraft, die Förderung von Gesprächen und Formen von Zusammenarbeit auch mit Mitgliedern der „neuen religiösen Bewegungen“ und mit Vertretern neuer religiöser Erfahrungen wünschenswert. Solche geschwisterlichen Begegnungen, die weder als ökumenischer Dialog noch als interreligiöser Dialog verstanden werden dürfen und auf der Klarheit der eigenen Identität sowie auf gegenseitigem Respekt beruhen, können konkrete Gelegenheiten bieten, zusammen an der Förderung gemeinsamer Werte und am Streben nach dem Gemeinwohl zu arbeiten. Darüber hinaus können sie zu einem aufmerksameren Verständnis der zeitgenössischen geistlichen Strömungen beitragen und die Räume für das Zeugnis, für gegenseitiges Kennenlernen und Zusammenarbeit im Dienst der Würde des Menschen, des sozialen Friedens und der Bewahrung der Schöpfung erweitern.

43. Schließlich sei an das zunehmend kritische Bewusstsein gegenüber den Erscheinungsformen der Islamfeindlichkeit im westlichen Kontext erinnert, die nicht angemessen zwischen Fällen von Fundamentalismus und Gewalt einerseits und dem friedlichen Leben der anderen muslimischen Gläubigen andererseits unterscheiden, die in den sie aufnehmenden Ländern arbeiten und sich integrieren. Wir müssen jenen christlichen Gemeinschaften danken, die im Geiste der Gastfreundschaft sowie eines besseren Verständnisses und einer größeren Wertschätzung gegenüber muslimischen Gläubigen gewachsen sind, die, wie Nostra aetate in Erinnerung ruft, „den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft. … Deshalb legen sie Wert auf sittliche Lebenshaltung und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten“[79].

Anhaltende Widerstände und Missverständnisse

44. Trotz dieser Fortschritte bleiben weiterhin Schwierigkeiten im Dialog bestehen. In einigen Kreisen werden weiterhin Zweifel an seiner Angebrachtheit geäußert, da man einen lehrmäßigen Relativismus oder eine Verwässerung der religiösen Identität befürchtet. Auch nach dem Dokument Dialog und Verkündigung bestehen weiterhin Missverständnisse über das Wesen des Dialogs. Manche fragen sich nach wie vor, ob es sich dabei um ein pastorales Problem, um einen Akt der Nächstenliebe, um einen theologischen Austausch oder um die Notwendigkeit eines politischen Einsatzes zugunsten des Gemeinwohls handelt.

45. Auch über die kirchlichen Grenzen hinaus sind die Missverständnisse nicht geringer. In einigen regionalen Gebieten sind die Beziehungen zwischen Gläubigen verschiedener Religionen historisch von Konflikten geprägt, und die Erinnerung an alte Wunden erschwert das gegenseitige Vertrauen, trotz der Aufforderung in der Erklärung Nostra aetate, „das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen“[80], insbesondere zwischen Christen und Muslimen. Diesbezüglich seien die folgenden Worte Papst Franziskus in Erinnerung gerufen: „Um den Dialog mit dem Islam zu führen, ist eine entsprechende Bildung der Gesprächspartner unerlässlich, nicht nur damit sie fest und froh in ihrer eigenen Identität verwurzelt sind, sondern auch um fähig zu sein, die Werte der anderen anzuerkennen, die Sorgen zu verstehen, die ihren Forderungen zugrunde liegen, und die gemeinsamen Überzeugungen ans Licht zu bringen. Wir Christen müssten die islamischen Einwanderer, die in unsere Länder kommen, mit Zuneigung und Achtung aufnehmen, so wie wir hoffen und bitten, in den Ländern islamischer Tradition aufgenommen und geachtet zu werden. Bitte! Ich ersuche diese Länder demütig darum, in Anbetracht der Freiheit, welche die Angehörigen des Islam in den westlichen Ländern genießen, den Christen Freiheit zu gewährleisten, damit sie ihren Gottesdienst feiern und ihren Glauben leben können“.[81] Anderswo untergraben das Erstarken von Fundamentalismen, das Fortbestehen von Vorurteilen, die politische Manipulation religiöser Zugehörigkeiten oder Gewalt im Namen Gottes die eigentlichen Grundlagen des Dialogs. In säkularisierten Gesellschaften wird das Religiöse manchmal an den Rand gedrängt oder instrumentalisiert, auf Folklore oder subjektive Meinungen reduziert oder gänzlich ausgeblendet.

46. Der Weg bleibt anspruchsvoll. Er erfordert Demut, Mut und Unterscheidungsvermögen. Für den Christen ist diese Anforderung nicht erstaunlich, denn der wirkliche Gläubige lässt sich nicht von Arroganz leiten; „im Gegenteil, die Wahrheit lässt ihn demütig werden, da er weiß, dass nicht wir sie besitzen, sondern vielmehr sie es ist, die uns umfängt und uns besitzt. Weit davon entfernt, uns zu verhärten, bringt uns die Glaubensgewissheit in Bewegung und ermöglicht das Zeugnis und den Dialog mit allen“[82]. Dieser Dialog bedarf oft „unermüdlicher Geduld“[83] und kann nicht auf einen einfachen generellen Konsens reduziert werden. Verwurzelt im Verkündigungsauftrag der Kirche, zu dessen wesentlichem Bestand der Dialog gehört, setzt er aufrichtiges Bemühen, eine gründliche Kenntnis des anderen und die Anerkennung der Gewissensfreiheit als Grundlage jeder authentischen Beziehung voraus.[84] Es geht also nicht darum, der Wahrheit zu entsagen, sondern vielmehr sie in evangeliumsgemäßer Weise zu verkünden, nämlich mit Wertschätzung, Zuhören und Nächstenliebe. Er ist ein wirkliches Mitteilen dessen, was im eigenen Herzen wohnt: „Von Christus durch das Zeugnis oder das Wort so zu sprechen, dass andere sich nicht besonders anstrengen müssen, um ihn zu lieben, das ist der größte Wunsch von jemandem, der mit ganzer Seele Missionar ist. In dieser Dynamik der Liebe gibt es keinen Proselytismus: Die Worte des Liebenden stören nicht, drängen nichts auf, erzwingen nichts, sondern bringen die anderen lediglich dazu, sich zu fragen, wie eine solche Liebe möglich ist. Mit größtem Respekt vor der Freiheit und der Würde des anderen hofft der Liebende einfach darauf, dass er von dieser Freundschaft erzählen darf, die sein Leben erfüllt“[85].

47. Zuletzt, aber sicherlich nicht weniger wichtig, muss auf die Verfolgungen hingewiesen werden, denen Christen in verschiedenen Teilen der Welt durch extremistische religiöse Gruppen ausgesetzt sind. Jede Verfolgung aus religiösen Gründen ist stets eine Verletzung der Menschenwürde, auf die dringend eine gemeinsame Antwort gefunden werden muss, die im Geiste von Nostra aetate bei allen und gegenüber allen Respekt, Dialog und friedliches Zusammenleben fördert.

Eine zu vertiefende Pädagogik des Dialogs

48. Angesichts der heutigen Herausforderungen ist die Kirche aufgerufen, ihre Pädagogik des Dialogs zu erneuern und zu intensivieren. Dies setzt vor allem eine gründliche Ausbildung in den Priesterseminaren, theologischen Instituten und pastoralen Ausbildungsgängen voraus. Es genügt nicht mehr, die Bedeutung des Dialogs zu betonen. Nun gilt es, ihn zu leben und den Gläubigen die Mittel an die Hand zu geben, um sich fundiert, kritisch und sachlich daran zu beteiligen. Die Kenntnis der Religionen, die Geschichte der interreligiösen Beziehungen, die Ausarbeitung von Leitlinien für den Dialog und die Förderung der religiösen Sprachfähigkeit sind Faktoren, die die Begegnung und den interreligiösen Dialog begünstigen und unterstützen; ebenso ist es notwendig, das Verständnis für aktuelle kulturelle und geopolitische Fragen in die christliche Bildung zu integrieren.

49. Gleichzeitig gilt es, die konkreten Initiativen der an vorderster Front stehenden Ortskirchen zu würdigen. Sie sind es, die vor Ort die kreativsten und mutigsten Formen der Begegnung entwickeln: Dialogkommissionen, gemeinsame Projekte, Bildungs- oder humanitäre Maßnahmen, gemeinsame Feiern. Indem die Weltkirche diese Erfahrungen sammelt, teilt und vernetzt, kann sie sich nicht nur bereichern, sondern auch neue pastorale Wege erkennen und begleiten.

50. Besondere Aufmerksamkeit muss auch der geistlichen Dimension des Dialogs gewidmet werden. Denn das, worauf hingearbeitet werden soll, ist keine bloße intellektuelle Übung, sondern eine authentische Begegnung – eine Begegnung mit einem gläubigen Anderssein im Geiste des Friedens, der Freundschaft und des gemeinsamen Strebens nach der Wahrheit und dem Guten.[86] Ein aufrichtiger Dialog schließt jede Form der Instrumentalisierung aus. Er zielt auf gegenseitiges Verständnis ab, auf die Entdeckung dessen, was für alle richtig und authentisch ist. Ein Dialog im Geiste von Nostra aetate setzt daher einen kontemplativen Blick auf den „ungleichartigen anderen“ voraus: „Aufeinander zugehen, sich äußern, einander zuhören, sich anschauen, sich kennenlernen, versuchen, einander zu verstehen, nach Berührungspunkten suchen – all dies wird in dem Wort Dialog zusammengefasst“[87].

51. In diesem Sinne kann der interreligiöse Dialog zu einer Gelegenheit für eine größere Treue zur allumfassenden Liebe Gottes werden, die sich in Jesus Christus offenbart hat. Er verwandelt Menschen, Gemeinschaften und manchmal sogar kirchliche Strukturen. Weit davon entfernt, ein Randthema zu sein, ist er ein theologischer Ort, an dem der Heilige Geist durch die Begegnung mit dem Anderen zu Wort kommen möchte[88].

IV. Ausblicke und Orientierungen für die Zukunft des interreligiösen Dialogs

52. Die Zukunft des interreligiösen Dialogs bedarf heute einer erneuten Reflexion und besonders klarer Entschlüsse. Während es in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gelungen ist, harmonischere Beziehungen zwischen den verschiedenen religiösen Traditionen aufzubauen, stellen die geopolitischen, kulturellen und ökologischen Veränderungen der letzten Jahre bisher unbekannte Herausforderungen dar. Identitätskonflikte, die Abschottung von Gemeinschaften, fundamentalistische Ideologien, Konflikte mit religiösem Hintergrund, die politische Manipulation des Religiösen, aber auch die in vielen Ländern zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber jeder Form von Spiritualität zwingen dazu, die Formen des Dialogs in einer sich rasch wandelnden Welt neu zu gestalten.

53. Es geht in Wahrheit nicht darum, eine große Weltreligion zu gründen, in der alle Glaubensrichtungen nivelliert werden. Diese Möglichkeit muss aus Respekt vor sich selbst und vor anderen ausgeschlossen werden. Es geht vielmehr darum, eine geschwisterliche Gesellschaft aufzubauen, die fähig ist, Unterschiede zu akzeptieren. Diese Absicht steht nach wie vor im Mittelpunkt des interreligiösen Dialogs, wie es bereits in der Erklärung Nostra aetate der Fall war und in den Bemühungen in dieser Richtung, die die Jahrzehnte nach ihrer Promulgation geprägt haben. Dialog besteht nicht nur im Darlegen der eigenen Lehren oder im Vergleich der eigenen Weltanschauungen; angesichts derer, die Spaltungen schüren und Konflikte vorbereiten, sind heute die Gläubigen der verschiedenen Traditionen und an erster Stelle ihre Oberhäupter, die sich ihrer unüberbrückbaren Unterschiede bewusst sind, aufgerufen, mit Klarheit und Hoffnung nach den Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben zu suchen.

54. Um dieses Ziel zu erreichen, ist ein wirklicher Mentalitätswandel erforderlich, nämlich das Aufgeben der Logik der Abwehr, der Feindseligkeit oder der Eroberung und stattdessen das Einnehmen einer offenen, wohlwollenden und mutigen Haltung. Monolithische und isolierte, eine engstirnige Sichtweise auf die Wirklichkeit fördernde Modelle erweisen sich zunehmend als unzulänglich und sind letztendlich Quelle von Gewalt und Leid für die Schwächsten. Die abweisende Verteidigung der eigenen Position und der Proselytismus als einzige Form der Begegnung mit dem „Anderen“ haben keinen Sinn mehr in einer Welt, die immer mehr einem vernetzten und ständig in Bewegung befindlichen globalen Dorf gleicht. Daran erinnerte Papst Franziskus 2019 an der Chulalongkorn-Universität in Bangkok vor religiösen Vertretern des Buddhismus, des Islam, des Hinduismus, des Sikhismus und des Christentums: „Die Epochen sind vorbei, in denen das Denken einer zeitlich-räumlichen Abschottung vorherrschen und sich als wirksamer Mechanismus zur Lösung von Konflikten behaupten konnte. Heute ist es an der Zeit, sich kühn Folgendes vorzustellen: die Logik der Begegnung und des gegenseitigen Dialogs als Weg; die gemeinsame Zusammenarbeit als Verhaltensregel und das gegenseitige Kennenlernen als Methode und Kriterium. Und auf diese Weise muss ein neues Muster zur Lösung der Konflikte angeboten, zum Verständnis zwischen den Personen beigetragen und die Schöpfung bewahrt werden. Ich denke, dass in diesem Bereich die Religionen wie auch die Universitäten viel beizusteuern und anzubieten haben, ohne dabei ihre eigenen Merkmale und besonderen Gaben aufgeben zu müssen; alles, was wir in diesem Sinn tun, ist ein bedeutender Schritt, um den jüngeren Generationen ihr Recht auf die Zukunft zu gewährleisten, und wird auch ein Dienst für die Gerechtigkeit und den Frieden sein“.[89]

55. Als Gegenpol zu jenen starren Haltungen, die Konfliktlösungen mit Gewalt fordern, ist es an der Zeit, eine neue Ethik des Dialogs zu fördern und somit eine Kultur der Komplexität, der Flexibilität und der Freundschaft. Es geht nicht mehr darum, „den anderen Gläubigen“, eine andere Zivilisation, eine andere Denkweise zu fürchten oder auf Distanz zu halten, sondern die Begegnung zu wagen. Derjenige, der einst als Bedrohung, als zu fürchtender, aus der Ferne zu respektierender oder gar als zu zerstörender Feind wahrgenommen wurde, kann zu einem Gesprächspartner, einem Verbündeten, einem Freund, ja sogar zu einem „Pilger der Wahrheit“[90] werden, mit dem man ein Stück des Weges gemeinsam teilen kann. Zivilisationen und Religionen können sicherlich in Konflikt geraten, aber sie können auch miteinander in Resonanz treten, in eine kreative Dynamik, die es versteht, Vielfalt in Solidarität zu verwandeln. Das Anderssein darf nicht länger als Hindernis erlebt werden, sondern als Herausforderung, der man sich stellen muss. In einer Welt, die im Erstickenden der Immanenz gefangen ist, wollen Gläubige verschiedener Religionen nicht darauf verzichten, der Welt die Wahrheit der Transzendenz und die Liebe Gottes zu allen Menschen zu verkünden. Dies ist besonders in dieser Zeit bedeutsam, in ihr werden  zuweilen „Schriften verachtet, die im Bereich einer Glaubensüberzeugung entstanden sind, und man vergisst dabei, dass die klassischen religiösen Texte für alle Zeiten von Bedeutung sein können und eine motivierende Kraft besitzen, die immer neue Horizonte öffnet, das Denken anregt, den Geist weitet und das Feingefühl erhöht“[91].

56. Ein reichhaltigeres und vielschichtigeres Gesprächsmodell ist daher nicht nur für die Zukunft wünschenswert, sondern es zeigt sich bereits im Keim innerhalb der Kirche und in ihren Beziehungen zu anderen religiösen Traditionen. Dieses facettenreiche Modell ließe sich mit einem Polyeder vergleichen; es erfordert das gleichzeitige Sich-Auseinandersetzen mit mehreren Dimensionen, das Zeigen von Geduld und Klarheit, aber auch von Vorstellungskraft und Kreativität.[92] In diesem gegenseitigen Austausch entsteht eine gemeinsame Zukunft, in der Frieden und Freundschaft keine Utopien mehr sind, sondern reife Früchte der Begegnung.

V. Schluss

57. Sechzig Jahre nach der Erklärung Nostra aetate blickt die katholische Kirche mit tiefer Dankbarkeit auf den zurückgelegten Weg zurück. In sechs Jahrzehnten hat dieser kurze, aber mutige Text das Gesicht der interreligiösen Beziehungen radikal verändert. Die Kirche ist von einer oft zurückhaltenden oder distanzierten Haltung zu einem mutigen Weg des aufrichtigen Dialogs, der respektvollen Begegnung und der geschwisterlichen Zusammenarbeit übergegangen. Dieses Erbe ist mittlerweile zu einem lebendigen und unverzichtbaren Gut geworden, das die Gläubigen von heute weiterhin herausfordert und sie dazu verpflichtet, dieses für unsere Zeit so wichtige menschliche und geistliche Abenteuer fortzusetzen.

58. In einer zugleich tief miteinander vernetzten und zersplitterten Welt bleibt die Botschaft von Nostra aetate daher von großer Aktualität. Die Geschwisterlichkeit unter Gläubigen verschiedener religiöser Traditionen ist kein bloßes Ideal, sondern eine moralische, geistliche und soziale Notwendigkeit. Angesichts der Herausforderungen unserer Zeit, darunter religiöser Extremismus, globale Migration, Säkularisierung, ökologische und soziale Krisen, sind die Religionen aufgerufen, die Welt und die Gesellschaft so zu gestalten, dass sie geschwisterlicher Ausdruck des Willens Gottes sind. Diese Verpflichtung erfordert zwangsläufig, insbesondere bei den jungen Generationen, eine erneuerte Erziehung zum Dialog, um Ängste und Vorurteile zu überwinden und eine authentische Kultur der Begegnung zu verwurzeln.

59. Anlässlich des 60. Jahrestags der Erklärung Nostra aetate bekräftigt die Kirche mit Überzeugung ihre Entschlossenheit, diesen anspruchsvollen Weg im Hören auf den Heiligen Geist fortzusetzen, der stets in der Geschichte der Menschheit und in den verschiedenen Kulturen und Religionen der Völker wirkt, in denen er auf eine Weise, die nur er kennt, die Flamme der Weisheit entzündet und seine vielfältigen Gaben austeilt. Die Kirche lädt alle dazu ein, „Brückenbauer statt Mauerbauer“[93] zu werden, Friedensstifter und Verfechter der Geschwisterlichkeit, die fähig sind, den anderen in seiner Andersartigkeit anzunehmen, seinen geistigen Reichtum anzuerkennen und am Aufbau einer gerechteren und menschlicheren Gesellschaft mitzuwirken. Wie Papst Leo XIV. es ausgedrückt hat: „Das Zeugnis unserer Geschwisterlichkeit, das wir, wie ich hoffe, mit wirksamen Gesten werden unter Beweis stellen können, wird sicher zum Aufbau einer friedlicheren Welt beitragen, wie es sich alle Männer und Frauen guten Willens von Herzen wünschen“[94].

60. Heute ist es mehr denn je notwendig, entschlossen in diese Richtung voranzuschreiten, gestützt auf die Gnade Gottes und den geistlichen Reichtum der religiösen Traditionen. Nostra aetate „hat vor 60 Jahren Hoffnung in die Welt der Nachkriegszeit gebracht. Heute sind wir aufgerufen, diese Hoffnung in unserer vom Krieg verwüsteten Welt und in unserer geschädigten Umwelt neu zu begründen“.[95] Dieser Weg der Hoffnung bleibt offen, und wir alle sind eingeladen, ihn gemeinsam mutig zu gehen.

Papst Leo XIV. hat bei der Audienz, die den unterzeichneten Präfekten und Sekretären des Dikasteriums für die Glaubenslehre, des Dikasteriums für die Förderung der Einheit der Christen und des Dikasteriums für den interreligiösen Dialog am 22. Juni 2026 gewährt wurde, die vorliegende Note approbiert und ihre Veröffentlichung angeordnet.

Gegeben zu Rom, am Sitz des Dikasteriums für die Glaubenslehre, des Dikasteriums für die Förderung der Einheit der Christen und des Dikasteriums für den interreligiösen Dialog, am 16. September 2026, am Gedenktag der heiligen Märtyrer Papst Kornelius und Cyprian, Bischof von Karthago.

 

Víctor Manuel Kard. Fernández
Präfekt

 

Kurt Kard. Koch
Präfekt

 

George Jacob Kard. Koovakad
Präfekt

 

Msgr. Armando Matteo
Sekretär

 

Erzbischof Flavio Pace
Sekretär

Msgr. Indunil Janakaratne Kodithuwakku Kankanamalage
Sekretär

 

Ex Audientia Die 22 Iunii 2026
Leo PP XIV

 

 


[1] II. Vatikan. Konzil, Erkl. Nostra aetate (28. Oktober 1965), Nr. 2, in: AAS 58 (1966), 741.

[2] II. Vatikan. Konzil, Erkl. Dignitatis humanae (7. Dezember 1965), Nr. 1, in: AAS 58 (1966), 929-930.

[3] Vgl. Franziskus, Apost. Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), Nr. 253, in: AAS 105 (2013), 1121.

[4] II. Vatikan. Konzil, Erkl. Nostra aetate (28. Oktober 1965), Nr. 4, in: AAS 58 (1966), 742.

[5] Sekretariat für die Einheit der Christen, Ebrei ed ebraismo nella Chiesa Cattolica (24. Juni 1985), III, 1, in: EV 9, 1639.

[6] Vgl. K. Barth, Die Kirchliche Dogmatik, IV/1, 1953, 181.

[7] J.-L. Tauran, «Cinquant’anni di dialogo interreligioso», in: Pro Dialogo 151-152 (2016), 71.

[8] Johannes XXIII., Ansprache zur feierlichen Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils (11. Oktober 1962), Nr. 8.2, in: AAS 54 (1962), 794.

[9] Vgl. Johannes XXIII, Enz. Pacem in terris (11. April 1963), Nr. 83, in: AAS 55 (1963), 299.

[10] Paul VI., Enz. Ecclesiam Suam (6. August 1964), Nr. 67, in: AAS 56 (1964), 639.

[11] Paul VI., Enz. Ecclesiam Suam (6. August 1964), Nr. 97, in: AAS 56 (1964), 649.

[12] Vgl. Paul VI., Enz. Ecclesiam Suam (6. August 1964), Nr. 110-115, in: AAS 56 (1964), 654-657.

[13] Vgl. Paul VI., Enz. Ecclesiam Suam (6. August 1964), Nr. 83, in: AAS 56 (1964), 644-645: So ist der Dialog, wie der Heilige Vater feststellt, „quasi als Handlungsweise für das Ausüben der apostolischen Sendung und das Zusammenführen der Seelen anzusehen“. Der Papst definiert auch dessen Eigenschaften: zuerst und vor allem die Klarheit, dann die Sanftheit. Vgl. Paul VI., Enz. Ecclesiam Suam (6. August 1964), Nr. 83, in: AAS 56 (1964), 645: „Der Dialog ist nicht hochmütig, verletzend oder beleidigend. Seine Autorität wohnt ihm durch die Wahrheit, die er darlegt, inne […]. Er ist friedfertig und meidet die heftigen Ausdrücke; er ist geduldig und großmütig“. Dann ist da noch das Vertrauen, und schließlich die pädagogische Umsicht, um den psychologischen und moralischen Gegebenheiten des Zuhörers Rechnung zu tragen.

[14] Paul VI., Homilie anlässlich der Promulgation fünf neuer Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils (28. Oktober 1965), in: AAS 57 (1965), 903.

[15] II. Vatikan. Konzil, Erkl. Nostra aetate (28. Oktober 1965), Nr. 5, in: AAS 58 (1966), 743-744.

[16] II. Vatikan. Konzil, Erkl. Nostra aetate (28. Oktober 1965), Nr. 4, in: AAS 58 (1966), 743.

[17] Vgl. N. Hofmann, «Nella „Giornata dell’ebraismo”. Tradizioni, valori e impegni comuni», in: L’Osservatore Romano, 17. Januar 2023, 5.

[18] Vgl. Benedikt XVI., Ansprache an die Mitglieder der „Conference of Presidents of Jewish American Organisations“ (12. Februar 2009), vgl. Insegnamenti, V/1 (2009), 235; Benedikt XVI. – P. Seewald, Licht der Welt. Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit, Freiburg i. Br. 2010, 106.

[19] J. Ratzinger, «L’eredità d’Abramo: dono di Natale», in: L’Osservatore Romano, 29. Dezember 2000, 1; dt. Übersetzung: „Das Erbe Abrahams“, in: HEUTE in Kirche und Welt 2/2001 (vgl. https://ratzinger-papst-benedikt-stiftung.de/archiv/theol_erbe_abraham/ [bes. 6/07/2026]).

[20] Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 121.

[21] Vgl. Sekretariat für die Einheit der Christen, Ebrei ed ebraismo nella Chiesa Cattolica (24. Juni 1985), I, 7, in: EV 9, 1623.

[22] Vgl. Päpstl. Rat zur Förderung der Einheit der Christen, „Perché i doni e la chiamata di Dio sono irrevocabili” (Rm 11,29). Riflessioni su questioni teologiche attinenti alle relazioni cattolico-ebraiche in occasione del 50° anniversario di Nostra aetate (Nr. 4) (10. Dezember 2015), Nr. 35, in: EV 31, 2055; Kongr. für die Glaubenslehre, Erkl. Dominus Iesus (6. August 2000), in: AAS 92 (2000) 742-765.

[23] Franziskus, Apost. Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), Nr. 249, in: AAS 105 (2013), 1120.

[24] II. Vatikan. Konzil, Erkl. Nostra aetate (28. Oktober 1965), Nr. 4, in: AAS 58 (1966), 743.

[25] Vgl. AAS 20 (1928), 103-104.

[26] Benedikt XVI., Generalaudienz, Dritte Stellungnahme (28. Januar 2009), vgl. Insegnamenti, V/1 (2009), 157.

[27] II. Vatikan. Konzil, Erkl. Nostra aetate (28. Oktober 1965), Nr. 4, in, in: AAS 58 (1966), 743.

[28] Paul VI., Enz. Populorum progressio (26. März 1967), Nr. 14, in, in: AAS 59 (1967), 264.

[29] Vgl. Paul VI., Enz. Populorum progressio (26. März 1967), Nr. 42, in: AAS 59 (1967), 278.

[30] Das Sekretariat für die Nichtchristen wurde von Papst Paul VI. mit dem Apost. Schreiben in Form eines ‚Motu proprio‘ Progrediente Concilio (vgl. AAS 56 [1964], 560) mit dem Ziel eingerichtet, „denen Aufmerksamkeit zu schenken, die der christlichen Religion fernstehen und auf die sich offenbar auch die Worte des Herrn beziehen: ‚Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch diese muss ich herführen‘ (Joh 10,16)“ (ebd.). Seine Gründung ist notwendig geworden, „vor allem in diesen Zeiten, in denen sich unter den Menschen aller Rassen, Sprachen und Religionen vielfältige Beziehungen entwickeln“ (ebd.). 1988 nahm das Sekretariat den Namen Päpstlicher Rat für den interreligiösen Dialog an (vgl. Johannes Paul II., Apost. Konst. Pastor Bonus [28. Juni 1988], Art. 159-162, in: AAS 80 [1988], 902) und nennt sich seit 2022 Dikasterium für den interreligiösen Dialog (vgl. Franziskus, Apost. Konst. Praedicate Evangelium [19. März 2022], Art. 147-152, in: AAS 114 [2022], 426-427).

[31] Franziskus, Apost. Konst. Praedicate Evangelium (19. März 2022), art. 149 §1, in: AAS 114 (2022), 426.

[32] Paul VI., Ansprache zur Eröffnung der III. Generalversammlung der Bischofssynode (27. September 1974), in: AAS 66 (1974), 561.

[33] Die Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum und die Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Muslimen wurden am selben Tag, dem 22. Oktober 1974, ins Leben gerufen.

[34] Vgl. P. Rossano, «Le cheminement du dialogue interreligieux de Nostra aetate à nos jours», in: Pro Dialogo 74 (1991), 131-142; S. Schmidt, «Cardinal Bea and Interreligious Dialogue», in: Pro Dialogo 74 (1991), 143-149.

[35] Vgl. Johannes Paul II., Generalaudienz (22. Oktober 1986), Nr. 5: „Nachdem sie oft Ursache von Spaltungen gewesen sind, möchten sie jetzt eine entscheidende Rolle beim Aufbau des Weltfriedens spielen“, vgl. Insegnamenti, IX/2 (1986), 1147.

[36] Johannes Paul II., Ansprache an die in Assisi versammelten Vertreter der christlichen Kirchen und der kirchlichen Gemeinschaften und der Weltreligionen (27. Oktober 1986), Nr. 6.8, vgl. Insegnamenti, IX/2 (1986), 1268.1269.

[37] Johannes Paul II., Ansprache anlässlich des Treffens mit der jüdischen Gemeinde in der Hauptsynagoge in Rom (13. April 1986), Nr. 4, vgl. Insegnamenti, IX/1 (1986), 1027.

[38] Johannes Paul II., Botschaft zum 21. Weltfriedenstag (1. Januar 1988), Nr. 4, in: AAS 80 (1988), 284-285.

[39] Das Dokument Dialog und Mission ist eine wesentliche Grundlage für das Verständnis der Sichtweise der Kirche auf den interreligiösen Dialog. Darin wird bekräftigt, dass der Dialog ein integraler Bestandteil des Evangelisierungsauftrags der Kirche ist, wobei jedoch klargestellt wird, dass er die ausdrückliche Verkündigung Christi nicht ersetzt, sondern diese begleitet und bereichert. Das Dokument unterscheidet vier sich ergänzende Ebenen: Den Dialog des Lebens, der in einem respektvollen und brüderlichen Zusammenleben zwischen Gläubigen verschiedener Religionen besteht; den Dialog der Werke, der auf einer konkreten Zusammenarbeit im Dienst der Gerechtigkeit und des Friedens beruht; den theologischen Dialog, der den intellektuellen und lehrmäßigen Austausch zwischen Fachleuten und religiösen Verantwortlichen fördert; und schließlich den geistlichen Dialog, der auf einer authentischen Begegnung der religiösen Traditionen im Gebet und in der Kontemplation gründet. Durch die Präzisierung dieser Ebenen legt der Text somit die Grundlagen für ein konkretes und vielschichtiges Engagement der Kirche innerhalb pluralistischer Gesellschaften vor.

[40] Das Dokument Dialog und Verkündigung vertieft die Reflexion über das Verhältnis zwischen interreligiösem Dialog und direkter Verkündigung des Evangeliums. Er erinnert zwar ausdrücklich daran, dass die Verkündigung Christi das bleibende Herzstück der christlichen Mission bleibt, betont aber zugleich, dass der interreligiöse Dialog mit dieser Verkündigung nicht nur vereinbar ist, sondern eine wesentliche und ergänzende Dimension derselben darstellt. Der Dialog wird als authentischer geistlicher Weg, als ein bevorzugtes Mittel für Christen, ihren Glauben im Respekt und im aufrichtigen Zuhören gegenüber dem anderen zu bezeugen, dargestellt. Das Dokument betont, dass Dialog und Verkündigung niemals im Widerspruch zueinander stehen. Sie sind vielmehr zwei sich ergänzende Wege desselben kirchlichen Auftrags, der in der Liebe Gottes und in der tiefen Anerkennung der Würde und Freiheit jedes Menschen verwurzelt ist.

[41] Johannes Paul II., Enz. Redemptoris missio (7. Dezember 1990), Nr. 55, in: AAS 83 (1991), 302.

[42] Vgl. II. Vatikan. Konzil, Erkl. Nostra aetate (28. Oktober 1965), Nr. 2, in: AAS 58 (1966), 741.

[43] Johannes Paul II., Botschaft zum 34. Weltfriedenstag (1. Januar 2001), in: AAS 93 (2001), 234-247.

[44] Johannes Paul II., Ansprache anlässlich der Abschlusszeremonie der interreligiösen Versammlung auf dem Petersplatz (28. Oktober 1999), Nr. 3, vgl. Insegnamenti, XXII/2 (1999), 653.

[45] II. Vatikan. Konzil, Erkl. Nostra aetate (28. Oktober 1965), Nr. 5, in: AAS 58 (1966), 743.

[46] Vgl. Benedikt XVI., Schreiben an S.E. Msgr. Domenico Sorrentino anlässlich des 20. Jahrestags des Internationalen Treffens zum Gebet für den Frieden (2. September 2006), in: AAS 98 (2006), 750.

[47] Benedikt XVI., Ansprache anlässlich des Treffens mit Vertretern der Wissenschaften in Regensburg (12. September 2006), vgl. Insegnamenti, II/2 (2006), 259.

[48] Benedikt XVI., Ansprache anlässlich des Treffens mit Vertretern muslimischer Gemeinden in Köln (20. August 2005), vgl. Insegnamenti, I (2005), 448. Vgl. Ders., Ansprache an die Botschafter der muslimischen Staaten beim Heiligen Stuhl und einige Vertreter muslimischer Gemeinden in Italien (25. September 2006), in: AAS 98 (2006), 705.

[49] Franziskus, Ansprache an die Teilnehmer der Internationalen Friedenskonferenz (28. April 2017), in: AAS 109 (2017), 495.

[50] Vgl. Päpstl. Rat für den interreligiösen Dialog, Dialogo nella verità e nella carità. Orientamenti pastorali per il dialogo interreligioso (19. Mai 2014), in: EV 30, 843-928. 

[51] Franziskus, Apost. Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), Nr. 250, in: AAS 105 (2013), 1120.

[52] Franziskus, Ansprache an eine Delegation des „American Jewish Committee”  (13. Februar 2014), Insegnamenti, II/1 (2014), 166.

[53] Franziskus, Apost. Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), Nr. 247-249, in: AAS 105 (2013), 1119-1120.

[54] Franziskus, Apost. Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), Nr. 249, in: AAS 105 (2013), 1120.

[55] Vgl. Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt, unterzeichnet von Papst Franziskus und Großimam Ahmad Al-Tayyeb (4. Februar 2019), in: AAS 111 (2019), 349-356.

[56] Franziskus, Enz. Fratelli tutti (3. Oktober 2020), Nr. 85, in: AAS 112 (2020), 998.

[57] Franziskus, Enz. Lumen Fidei (29. Juni 2013), Nr. 55, in: AAS 105 (2013), 592. Vgl. Ders., Apost. Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), Nr. 226-230, in: AAS 105 (2013), 1112-1113.

[58] Franziskus, Enz. Fratelli tutti (3. Oktober 2020), Nr. 285, in: AAS 112 (2020), 1073, er zitiert das Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt, unterzeichnet von Papst Franziskus und Großimam Ahmad Al-Tayyeb (4. Februar 2019), in: AAS 111 (2019), 350.

[59] Franziskus, Ansprache anlässlich der Konferenz „Theologie nach ‚Veritatis Gaudium‘ im Kontext des Mittelmeerraumes” (21. Juni 2019), in: AAS 111 (2019), 1098.

[60] Franziskus, Enz. Fratelli tutti (3. Oktober 2020), Nr. 30, in: AAS 112 (2020), 980.

[61] Franziskus, Ansprache anlässlich der Konferenz „Theologie nach ‚Veritatis Gaudium‘ im Kontext des Mittelmeerraumes” (21. Juni 2019), in: AAS 111 (2019), 1101.

[62] Franziskus, Enz. Fratelli tutti (3. Oktober 2020), Nr. 202, in: AAS 112 (2020), 1041.

[63] Vgl. Franziskus, Enz. Fratelli tutti (3. Oktober 2020), Nr. 199, in: AAS 112 (2020), 1040.

[64] Vgl. Franziskus, Enz. Fratelli tutti (3. Oktober 2020), Nr. 74, in: AAS 112 (2020), 995.

[65] Vgl. Franziskus, Enz. Fratelli tutti (3. Oktober 2020), Nr. 69, in: AAS 112 (2020), 993.

[66] Vgl. Leo XIV., Audienz für das beim Heiligen Stuhl akkreditierte Diplomatische Korps (16. Mai 2025), in: L’Osservatore Romano, 16 Mai 2025, 1-3.

[67] Leo XIV., Ansprache zum 60. Jahrestag von ‚Nostra aetate‘, „Gemeinsam in der Hoffnung voranschreiten“ (28. Oktober 2025), in: L’Osservatore Romano, 29. Oktober 2025, 4.

[68] Vgl. Leo XIV., Ansprache zum 60. Jahrestag von ‚Nostra aetate‘, „Gemeinsam in der Hoffnung voranschreiten“ (28. Oktober 2025), in: L’Osservatore Romano, 29. Oktober 2025, 4-5.

[69] Leo XIV., Ansprache zum 60. Jahrestag von ‚Nostra aetate‘, „Gemeinsam in der Hoffnung voranschreiten“ (28. Oktober 2025), in: L’Osservatore Romano, 29. Oktober 2025, 5.

[70] Leo XIV., Generalaudienz (29. Oktober 2025), Katechese zum 60. Jahrestages der Konzilserklärung ‚Nostra aetate‘, in: L’Osservatore Romano, 29. Oktober 2025, 2.

[71] Leo XIV., Ansprache an die Vertreter der anderen Kirchen, kirchlicher Gemeinschaften und anderer Religionen (19. Mai 2025), in: L’Osservatore Romano, 19. Mai 2025, 6.

[72] II. Vatikan. Konzil, Erkl. Nostra aetate (28. Oktober 1965), Nr. 4, in: AAS 58 (1966), 743.

[73]Gemeinsame Erklärung, unterzeichnet von Papst Leo XIV. und vom Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus I. (Istanbul, 29. November 2025), in: AAS 117 (2025), 1644.

[74] Leo XIV., Enz. Magnifica Humanitas (15. Mai 2026), Nr. 223, inneres Zitat: Franziskus, Ansprache anlässlich des Weltgebetstages für den Frieden in Assisi. „Durst nach Frieden. Religionen und Kulturen im Dialog“ (20. September 2016), in: AAS 108 (2016), 1124.

[75] Vgl. Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt, unterzeichnet von Papst Franziskus und Ahmad Al-Tayyeb (Abu Dhabi, 4. Februar 2019); Abschlusserklärung des 7. Kongresses der führenden Vertreter der Weltreligionen und der traditionellen Religionen (Nur-Sultan, 15. September 2022); Gemeinsame Erklärung von Istiqlal, unterzeichnet von Papst Franziskus und Großimam Nasaruddin Umar (Jakarta, 5. September 2024). All diese Texte zeugen von dem unermüdlichen Einsatz für gegenseitiges Verständnis, konkrete Zusammenarbeit und friedliches Zusammenleben zwischen Menschen unterschiedlicher religiöser Traditionen.

[76] Franziskus, Ansprache anlässlich der Schlusssitzung der „Rencontres Méditerranéennes”  (23. September 2023), in: AAS 115 (2023), 1146.

[77] Im Kontext des religiösen Pluralismus bedeutet Dialog „‚die Gesamtheit der positiven und konstruktiven interreligiösen Beziehungen zu Menschen und Gemeinschaften anderer Glaubensrichtungen im Sinne eines gegenseitigen Kennenlernens und einer gegenseitigen Bereicherung‘, im Geiste der Wahrheit und unter Achtung der Freiheit. Dies umfasst sowohl das Zeugnis als auch das Entdecken der jeweiligen religiösen Überzeugungen“ (Päpstl. Rat für den interreligiösen Dialog – Kongr. für die Evangelisierung der Völker, Instr. Dialog und Verkündigung [19. Mai 1991], Nr. 9, in: AAS 84 [1992], 417-418, inneres Zitat: Sekretariat für die Nichtchristen, Die Haltung der Kirche gegenüber den Anhängern anderer Religionen: Überlegungen und Leitlinien zu Dialog und Mission, ital. Orig. in: Bollettino del Segretariato per i non-Cristiani 56 [1984/2], Nr. 13).

[78] Vgl. Päpstl. Rat für den interreligiösen Dialog – Kongr. für die Evangelisierung der Völker, Instr. Dialog und Verkündigung (19. Mai 1991), Nr. 42, in: AAS 84 (1992), 428.

[79] II. Vatikan. Konzil, Erkl. Nostra aetate (28. Oktober 1965), Nr. 3, in: AAS 58 (1966), 741.

[80] II. Vatikan. Konzil, Erkl. Nostra aetate (28. Oktober 1965), Nr. 3, in: AAS 58 (1966), 742.

[81] Franziskus, Apost. Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), Nr. 253, in: AAS 105 (2013), 1121.

[82] Franziskus, Enz. Lumen Fidei (29. Juni 2013), Nr. 34, in: AAS 105 (2013), 577.

[83] G.C. Anawati, O.P., Exkurs zum Konzilstext über die Muslim, in: H. Vorgrimler (Schriftl.), Lexikon für Theologie und Kirche. Das Zweite Vatikanische Konzil. Dokumente und Kommentare 2 (1967), S. 487.

[84] Vgl. Päpstl. Rat für den interreligiösen Dialog – Kongr. für die Evangelisierung der Völker, Instr. Dialog und Verkündigung (19. Mai 1991), Nr. 77, in: AAS 84 (1992), 441-442; vgl. Verlautbarungen des Apost. Stuhls 102 (Hg. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz): Dies., Dialog und Verkündigung, Überlegungen und Orientierungen zum Interreligiösen Dialog und zur Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi (19. Mai 1991).

[85]Franziskus, Enz. Dilexit nos (24. Oktober 2024), Nr. 210, in: AAS 116 (2024), 1435-1436.

[86] Vgl. Franziskus, Enz. Fratelli tutti (3. Oktober 2020), Nr. 271, in: AAS 112 (2020), 1066.

[87] Franziskus, Enz. Fratelli tutti (3. Oktober 2020), Nr. 198, in: AAS 112 (2020), 1039.

[88] Vgl. Päpstl. Rat für den interreligiösen Dialog – Kongr. für die Evangelisierung der Völker, Instr. Dialog und Verkündigung (19. Mai 1991), Nr. 38, in: AAS 84 (1992), 427.

[89] Franziskus, Ansprache anlässlich der Begegnung mit den Christlichen Religionsführern und denen anderer Religionen(Chulalongkorn-Universität Bangkok, 22. November 2019), in: AAS 111 (2019), 1957.

[90] Benedikt XVI., Ansprache anlässlich des Tages der Reflexion, des Dialoges und des Gebetes für den Frieden und die Gerechtigkeit in der Welt: „Pilger der Wahrheit, Pilger des Friedens”  (Assisi, 27. Oktober 2011), vgl. Insegnamenti, VII/2 (2011), 514.

[91] Franziskus, Apost. Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), Nr. 256, in: AAS 105 (2013), 1123.

[92] Vgl. Franziskus, Apost. Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), Nr. 236, in: AAS 105 (2013), 1115.

[93] Franziskus, Botschaft Urbi et orbi (21. April 2019), in: AAS 111 (2019), 731.

[94] Leo XIV., Ansprache an die Vertreter anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften und anderer Religionen (19. Mai 2025), in: L’Osservatore Romano, 19. Mai 2025, 6.

[95] Leo XIV., Generalaudienz (29. Oktober 2025), Katechese zum 60. Jahrestag der Konzilserklärung „Nostra aetate“, in: L’Osservatore Romano, 29. Oktober 2025, 3.